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Direkt vor der Christuskirche in Düren steht der Wohnwagen, in dem geredet und zughört wird. Direkt vor der Christuskirche in Düren steht der Wohnwagen, in dem geredet und zughört wird.

Düren redet

„Wenn einem zugehört wird, wird man großzügig“

Reden und – vor allem – zuhören, darum geht es beim „Listening Project“ des Hamburger Künstlers Rudolf Giesselmann. In einem verglasten Wohnwagen kommen ganz verschiedene Menschen zu ganz verschiedenen Themen miteinander ins Gespräch. Zurzeit steht er vor der Christuskirche der Evangelischen Gemeinde zu Düren.

Ein kleiner Wohnwagen steht vor der großen evangelischen Christuskirche in Düren. Eine der Längsseiten ist mit einer Plexiglasscheibe verschlossen. Man kann rein und raus gucken. Innen stehen fünf Stühle und ein Tisch mit zwei Sanduhren. Eine Woche lang – seit Montag, noch bis Sonntag – hat der Hamburger Künstler Rudolf Giesselmann auf Einladung der Evangelischen Gemeinde zu Düren sein „Listening Project“, sein Zuhör-Projekt, auf die Wiese vor der Kirche gestellt. Die Dürener können miteinander reden. Und sich vor allem zuhören lassen.

Pfarrer Martin Gaevert war gerade auf dem Weg zu einer Demo gegen die Rodung des Hambacher Forstes und für den Kohleausstieg, als er in Buir auf den Wohnwagen stieß. In dem Dorf, das die Heimat der kämpferischen Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ ist, die durch Antje Grothuis auch in der Kohlekommission vertreten war. Das aber ebenso wie die gesamte Region unter der Spaltung der Kohlestrombefürworter und -gegner leidet.

Unterschiedliche Meinungen werden friedlich ausgetauscht

„Wir hatten uns positioniert. Und damit den Gesprächsfaden zu denen verloren, die auf der anderen Meinungsseite stehen“, sagt Gaevert selbstkritisch. Viele in Düren und Umgebung stehen beim Tagebaubetreiber RWE in Lohn und Brot. „Dann stand da der Wohnwagen, in dem die unterschiedlichen Meinungen in Buir tatsächlich friedlich ausgetauscht wurden,“ erinnert sich der Pfarrer.

Für die Gesprächsrunden gibt es feste Regeln, an die sich alle halten müssen. Für die Gesprächsrunden gibt es feste Regeln, an die sich alle halten müssen.

In Düren sind die Gesprächsrunden nicht thematisch fixiert. Jeder und jede  kann mit jedem Thema in den Wohnwagen kommen – und über alle wird der Reihe nach je 20 Minuten lang gesprochen. Am Dienstagabend lauten die Themen – vor Beginn verdeckt auf eine Karte geschrieben: Freies Spiel für alle Kinder, bewusster Konsum versus Online-Shopping, wie viel Übereinstimmung braucht eine gute Freundschaft, Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule, Optimismus.

Die Gespräche laufen nach festgelegten Regeln ab. Alle kommen zu Wort, alle dürfen ausreden. Die Meinungen gehen durchaus auseinander, laufen aber tatsächlich wie von Giesselmann gefordert immer in „liebevollen“ Bahnen. Zum Beispiel beim Thema Online-Shopping: Die 37-jährige Jennifer steht dazu im Internet zu kaufen. „Oft ist es dort billiger. Wir können es uns nicht leisten, stets mehr als nötig auszugeben.“ Die 53-jährige Silke fordert, dass aus Bewusstsein Konsequenzen folgen sollten. Der 38-jährige Raphael meint: „Man muss auch mal über seine eigene Inkonsequenz lachen können.“ Dann sind die 20 Minuten – vorgegeben von einer schwarzen Sanduhr – um. Das nächste Thema ist dran.

Reden jenseits vom Schutz der eigenen Filterblase

Die Gesprächsrunde: Rauke,  Silke, Raphael, der Künstler Rudolf Giesselmann und Jennifer. Die Gesprächsrunde: Rauke, Silke, Raphael, der Künstler Rudolf Giesselmann und Jennifer.

Das Gespräch entwickelt sich. Es wird tiefer, intimer. Die rote 30-Sekunden-Sanduhr wird öfter genutzt, sie sorgt für eine Zeit der Stille und zum Nachhören. Da sitzen sich wildfremde, zufällig zusammen gewürfelte Menschen gegenüber. Sie haben unterschiedliche Lebenserfahrungen, Standpunkte und Lösungsansätze. Sie genießen nicht den Schutz der eigenen Filterblase – und erzählen sich dennoch oder gerade deswegen höchst private Dinge. Mancher nimmt daraus etwas für sich mit: „Vielleicht sollte ich das Gespräch noch einmal suchen.“ „Nach meiner Stärke suchen – das ist vielleicht eine Idee.“

Vor dem Wohnwagen wird ebenfalls geredet. Denn natürlich fällt der hell erleuchtete Wohnwagen auf der Wiese auf. Gaevert spricht unter anderem mit fünf türkischen Jugendlichen. „Da wird mir wirklich zugehört?“, fragt einer fast ungläubig und sie haben gleich einige große Themen parat: Kurdistan, Arbeit, Gewalt in Düren. „Mal schauen, ob sie wiederkommen“, freut sich der Pfarrer.

„Es ist noch nie schief gegangen“, berichtet Giesselmann von seinen bald fünfjährigen Erfahrungen mit dem Listening Project. „Wenn einem zugehört wird, wird man großzügig.“

Bis Sonntag, 10. Februar, steht das „Listening Project“ von Rudolf Giesselmann noch auf dem Platz vor der Dürener Christuskirche (Schenkelstraße). „Düren redet“ wochentags um 14, 16 und 18 Uhr, am Wochenende um 12 und 14 Uhr. Bis zu fünf Menschen finden im Wohnwagen Platz. Anmeldungen und Informationen unter 017681140127, sowie unter 01777526990 und über dueren-redet@artinprogress.info.

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ekir.de / Rauke Xenia Bornefeld, Fotos: Andreas Schmitter / 07.02.2019



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