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Am 22. Oktober 1922 feiert Margarete Dieterich mit Paul Schneider aus Hochelheim bei Wetzlar Verlobung. Am 22. Oktober 1922 feiert Margarete Dieterich mit Paul Schneider aus Hochelheim bei Wetzlar Verlobung.

Biografie

Mehr als die Frau an Paul Schneiders Seite

Mit 16 lernt die schwäbische Pfarrerstochter Margarete Dieterich den Mann ihres Lebens kennen. Mit 22 heiratet sie ihn. 13 Jahre nur dauert ihre Ehe mit Paul Schneider. Am 18. Juli 1939 wird der Dorfpfarrer im KZ ermordet, weil er unbeirrt gegen die Irrlehren der Nazis predigt. Sein radikaler Weg bestimmt ihr ganzes Leben.

1991 besuchte Margarete Schneider die ehemalige Zelle ihres Mannes im KZ Buchenwald. 1991 besuchte Margarete Schneider die ehemalige Zelle ihres Mannes im KZ Buchenwald.

Margarete Schneider ist seitdem „die Frau des Predigers von Buchenwald“. Ihr Mann Paul war der erste Pfarrer, der von den Nazis verfolgt, eingekerkert und ermordet wurde, weil er sich dem neuen Führerkult der Deutschen Christen verweigerte. Gretel, wie sie genannt wurde, war mehr als die Frau an seiner Seite.

Sie hat nicht nur seinen von festen Glaubensüberzeugungen geprägten Weg in der Bekennenden Kirche stets mitgetragen. Sie hat auch die sechs gemeinsamen Kinder allein großgezogen und sich durch Krieg und Nachkriegszeit gekämpft. Getragen hat sie bis ins hohe Alter ihr unerschütterliches Gottvertrauen.

Eine starke Persönlichkeit

Über Paul Schneider, den Märtyrer, ist viel geschrieben worden. Viele evangelische Einrichtungen tragen heute seinen Namen. Die Rolle von Margarete blieb in der Kirchengeschichtsschreibung bisher im Hintergrund. Nun hat ihr Neffe Paul Dieterich eine Biografie über seine „Tante Gretel“ verfasst. Auf 500 Seiten dokumentiert er ihr Leben an der Seite Paul Schneiders und die 63 darauffolgenden Jahre bis zu ihrem Tod 2002.

Dieterich zitiert aus vielen unveröffentlichten Briefen des Paares und aus Gesprächen mit ihren Geschwistern, Kindern und Enkeln. Entstanden ist das Porträt einer starken Persönlichkeit, die es zeitlebens als ihre Verpflichtung ansah, „das Erbe und den Auftrag von Vater weiterzugeben“, wie ihr Sohn Karl Adolf es beschreibt.

Das Buch zeichnet das Leben einer Frau nach, die trotz vieler Schicksalsschläge nie haderte, sondern sich von Gott auf ihren Weg geschickt sah. Stets zupackend bewältigt sie den Alltag als Mutter und Pfarrfrau, findet daneben Zeit für regen Briefkontakt mit vielen Freunden, Verwandten und Theologen der Bekennenden Kirche. Sie steht bis ins hohe Alter mitten im Leben, führt ein offenes Haus mit vielen Gästen.

Die schwäbische Pfarrerstochter

Gretel wird am 8. Januar 1904 in Wildberg im Schwarzwald als zehntes Kind des Pfarrers Karl Dieterich geboren. Sie wächst in einem turbulenten Pfarrhaus auf, der Vater führt die Familie patriarchalisch. Pflichtgerechtes Verhalten, Gottesfurcht und christliche Lebensführung sind die Maximen in der Familie.

Als 16-Jährige lernt sie den Theologiestudenten Paul Schneider kennen, der im Pfarrhaus ein Zimmer gemietet hat. Sie verlieben sich. Im Oktober 1922 verloben sie sich, Gretel ist gerade 18. Paul zögert mit der Heirat, zweifelt noch, ob er Pfarrer werden soll. 1924 ruft ihn sein kranker Vater, Dorfpfarrer in Hochelheim bei Wetzlar, nach Hause. 1925 wird Schneider in Hochelheim ordiniert und übernimmt die Stelle seines Vaters. Im August 1926 heiratet er Gretel.

Mustergültige Pfarrfrau in Hochelheim

Sie ist nun junge Pfarrfrau und engagiert sich in der Gemeinde, kümmert sich um Kranke und Alte, leitet die Frauenhilfe und den Kindergottesdienst. Ihre Rolle sieht sie ganz selbstverständlich als Helferin an der Seite Pauls. In einem Brief an ihre Mutter formuliert sie es so: „... dass das erst das rechte Glück ist, wenn man sich einem Mann ganz und gar schenkt und dadurch treu zusammensteht“. Ihre ersten drei Kinder werden in Hochelheim geboren.

Nach Hitlers Wahl zum Reichskanzler 1933 sympathisiert Paul Schneider zunächst mit dem neuen Regime und den Deutschen Christen. Doch als er merkt, welche Richtung sie einschlagen, schließt er sich der Bekennenden Kirche (BK) an. Schon bald gerät er mit Predigten und Äußerungen in Konflikt mit dem NS-Kreisleiter von Wetzlar, Heinrich Grillo.

Grillo wird zu Schneiders Feind, erreicht im Frühjahr 1934 seine Strafversetzung in den Hunsrück. Gretel steht fest an der Seite ihres Mannes. „Ich wollte nicht, dass mein Mann mit einem ausgerenkten Rückgrat durch die Gegend läuft“, erzählte sie später ihrem Neffen.

Zuflucht im Hunsrück

Margarete Schneider 1940 mit ihren sechs Kindern. Ihr Mann Paul war im Sommer 1939 ermordet worden. Margarete Schneider 1940 mit ihren sechs Kindern. Ihr Mann Paul war im Sommer 1939 ermordet worden.

In den Hunsrück-Gemeinden Dickenschied und Womrath fühlt sich die Familie wohl. Das Presbyterium steht hinter seinem Pfarrer und auch viele seiner Kollegen im Kirchenkreis stellen sich im beginnenden Kirchenkampf auf die Seite der Bekennenden Kirche. Doch schon bald kommt es zu neuen Konflikten mit dem Regime. Schneider wird mehrmals verhaftet. Gretel hält dann allein die Stellung in der Gemeinde.

An Pfingsten 1937, Gretel hat gerade ihr sechstes Kind geboren, wird Paul in sogenannte Schutzhaft genommen und ins Gestapo-Gefängnis Koblenz gebracht. Gretel schickt ihm stärkende Bibelworte, vertritt ihn bei Versammlungen der BK und übermittelt ihm verschlüsselte Nachrichten. Dann wird Schneider aus dem Rheinland ausgewiesen.

Die Frau des Staatsfeinds

Schneider akzeptiert die Ausweisung nicht, obwohl ihm dies weitere Verfolgung erspart hätte. Er will schnellstmöglich wieder in seiner Gemeinde predigen, sieht es als seinen Weg der Wahrhaftigkeit gegenüber dem Evangelium. Am 3. Oktober 1937 steht er trotz Verbots wieder auf der Kanzel in Dickenschied.

Auf dem Weg zu einem weiteren Gottesdienst in Womrath wird er aus dem Taxi heraus von der Gestapo verhaftet. Am 25. November 1937 sieht Gretel Paul zum letzten Mal, als er ins Gefängnisauto nach Buchenwald steigt. Dort ist er bis zu seiner Ermordung 1939 Schutzhäftling Nummer 2491.

„Ich weiß, er konnte nicht anders“

Gretel steht die schwere Zeit seiner Haft unverbrüchlich an seiner Seite, trägt seine Entscheidung mit, obwohl sie für sie schlimme Auswirkungen hat. Allein muss sie nun für sechs Kinder sorgen. Die Solidarität vieler Gemeindemitglieder und Pfarrerskollegen der Bekennenden Kirche sowie ihrer Familie halten sie über Wasser.

Sie schreibt Paul ins KZ, versichert ihm immer wieder, sie trage das Leid mit ihm. Sie berichtet ihm von den Kindern und aus der Gemeinde. In ihren Augen ist sein Weg eine Prüfung ihres Glaubens. Ihrer Mutter schreibt sie: „Darum kann ich ihm auch nicht vorwerfen, er hätte seine Familie unglücklich gemacht. Ich weiß, dass er uns sehr lieb hat, aber doch nicht anders konnte.“

„Mitten ins Herz“

Am 18. Juli 1939, Gretel kocht im Dickenschieder Pfarrhaus gerade Wäsche im großen Waschkessel, bringt der Postbote ihr ein Telegramm: Paul Schneiders Todesnachricht. In einem Bericht von 1959 beschreibt sie den Moment so: „Das Telegramm aus Buchenwald trifft mitten ins Herz. Man wundert sich, dass das Leben in einem selbst und um einen herum trotzdem weitergeht, täglich fordernd und geschäftig, trotz der Not des Alleingelassenseins (...)“.

Noch in derselben Nacht fährt sie mit dem Pfarrer von Wirschweiler los nach Buchenwald, um Pauls Leichnam zu holen. Seine Beerdigung am 21. Juli in Dickenschied wird zu einer eindrucksvollen Protestdemonstration der Bekennenden Kirche, mehr als 170 Pfarrer nehmen daran teil. Über tausend Kondolenzbriefe erhält sie. Aus der Frau eines Staatsfeindes ist die Witwe eines Märtyrers geworden. Sie nimmt die Rolle an und bekennt sich umso entschiedener zu Schneiders Weg.

Pauls Vermächtnis als Verpflichtung

Margarete Schneider im November 2001, ein Jahr vor Ihrem Tod. Margarete Schneider im November 2001, ein Jahr vor Ihrem Tod.

Gretel lebt noch 63 Jahre, ihr Mann Paul bleibt in ihrem Leben stets präsent. Sein Vermächtnis ist ihr Verpflichtung. Sie habe es als ihre Aufgabe betrachtet, dafür zu sorgen, dass dieser Tod nicht umsonst war, sagen ihre Enkel später. Ihre Mission sei es gewesen, ihren Mann im rechten Licht darzustellen.

Auf Bitten von Pfarrern der BK schreibt sie Schneiders Geschichte nieder. Ihr Buch „Der Prediger von Buchenwald“ erscheint 1953. Sie engagiert sich weiter in der evangelischen Kirche und im Müttergenesungswerk, hält Vorträge in Schulen über die Zeit des Kirchenkampfes. Sie besucht ab 1964 regelmäßig die Gedenkfeiern für Paul Schneider in Dickenschied und Buchenwald.

Wichtig ist ihr dabei eines: Sie möchte nicht, dass Paul auf einen Sockel gehoben wird. Sie sah ihren Mann nicht als Märtyrer und will keine Heldenverehrung für ihn. Am 27. Dezember 2002 stirbt Margarete Schneider im Alter von 98 Jahren.

Buchtipp und Lesung:
Paul Dieterich, „Margarete Schneider. Die Frau des Predigers von Buchenwald“, Verlag SCM Hänssler, 2019, 544 Seiten, ISBN 978-3-7751-5646-2, 17,99 Euro
Am Donnerstag, 9. Mai, 19 Uhr. liest Paul Dieterich im Dorfgemeinschaftshaus Dickenschied aus seinem Buch.

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ekir.de / Ulrike Klös, Fotos: privat / 29.04.2019



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