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Bericht von Superintendent Jens Sannig

Marokkofahrt nach Oujda und Fes

Im Wortlaut: der Reisebericht von Jens Sannig, Superintendent des Kirchenkreises Jülich, über die Marokkofahrt im Frühjahr 2013 

Soll ich sagen, dass ich traurig von der diesjährigen Fahrt zurückgekommen bin? Traurig über die Verhältnisse, in denen die Flüchtlinge leben, traurig über das, was ihnen angetan wird? Traurig, über das, was ich mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren gehört habe?
Nein, traurig, sind wir nicht, haben Samuel Amedro und ich am Ende unserer Fahrt in die tiefsten Abgründe menschlichen Elends gesagt.
Traurig ist der falsche Begriff, weil Trauer mich unfähig zum Handel macht, meine Gedanken trübt und meine Bewegung lähmt.
Ja, ich bin wütend, entsetzt, ich lese die Worte des Propheten Amos über Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit, ganz neu und ich möchte jeden verantwortlichen Politiker der EU dorthin in die primitiven Flüchtlingszelte in den Bergen von Oujda, in diese bittere Kälte und die wirklich zum Himmel schreiende Unmenschlichkeit zerren.
Aber in erster Linie bin ich erfüllt von dieser Fahrt zurückgekommen.
Erfüllt von wunderbaren Begegnungen mit jungen Menschen, Studenten und Studentinnen aus Afrika, die dort in Oujda und Fes die Menschlichkeit bewahren, die Nächstenliebe leben, die die wahren Friedensnobelpreisträger dieser Erde sind. Die die vergessenen Namenlosen in den Mittelpunkt von Zuwendung und Liebe stellen und nach ihrem Namen fragen, ihrer Familie, ihrer Heimat, ihren Träumen. Die angetrieben von Gottes Gerechtigkeit und seinen Verheißungen mich antreiben daran zu glauben, dass wir etwas verändern können, solange wir unseren Glauben nicht aufgeben.
Ja, ich komme von der Reise zurück bestärkt im Glauben an das, was gilt im Leben aus dem Glauben: Gemeinschaft, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden, die Liebe Gottes, die zur Liebe jedes Nächsten wird, Verantwortung, Vergebung, Hoffnung, Teilhabe umsonst.
Was Gott Leben nennt, verliert sich nicht. Bleibt lebendig, habe ich sehen, erleben, spüren dürfen.
Wenn wir uns als Kirche dem Leben verschreiben, also der Gerechtigkeit, der Liebe Gottes zu den Ärmsten und Hilfsbedürftigsten, wenn wir als Kirche offen sind für die Nöte, Ängste, Sorgen und Schwächen der Menschen, ausnahmslos, wenn wir als Kirche mit den Menschen ihr Leben feiern und im Abschiednehmen ihnen zur Seite stehen, wenn Menschen uns abspüren, dass wir an ihrem Leben interessieret sind und ihnen in allen Untiefen zur Seite stehen, werden wir am Ende auch glauben können, dass Gottes Macht größer ist als alle Todesmächte, denen wir auf unserer Reise begegnet sind.

Ankunft
Wegen des plötzlichen und heftigen Wintereinbruchs mit Schnee und starkem Wind verzögert sich unser Abflug einschließlich Bustransfer von Charleroi nach Brüssel um neun Stunden. Gestartet am Montag den 11. März um 22.00 Uhr in Übach-Palenberg landen wir ein wenig müde und erschöpft endlich um 17.00 Uhr Ortszeit (18.00 MEZ) in Casablanca. Dort treffen wir nach dem Auschecken und einer Autofahrt durch die Rushhour um 20.30 Uhr in der evangelischen Kirche ein. An diesem Abend bleibt nur noch Zeit für ein Abendessen mit dem Presbyterium und für wenige Gespräche in den kurzen Begegnungen am Tisch.
Der für den Dienstag geplante Besuch in den Sprechstunden für die Flüchtlinge, in denen sie Nothilfe und ein wenig medizinische Versorgung erhalten, muss so leider ausfallen.

Aufbruch
Am nächsten Morgen startet ein Teil unserer Gruppe mit Carlos Funk nach Rabat, wo sie die nächsten Tage verbringen werden. Ich bin gut ausgeschlafen und habe gefrühstückt und Kaffee getrunken. Jetzt geht's mir wieder gut. Gestern war ich kaputt. Doch bevor es richtig losgehen kann, müssen wir erst einmal ein Auto längs zur Seite schieben, um auszuparken. Auch das ist das Leben in Marokko, das selten Rücksicht auf andere kennt, weil sich jeder selbst der Nächste ist.
Ana Lämmle, Friedhelm Welter und ich fahren mit Samuel Amedro, Präsident der EEAM, nach Oujda, mit dem Auto ca.10 Stunden. John Louis, Student und der neue Generalsekretär der CEI und damit Nachfolger von Diachari, ist schon in der Nacht mit dem Zug vorgefahren, um unser Hotel zu buchen und unseren Besuch in Oujda vorzubereiten. In Oujda werden wir auch Cody treffen, einen ehemaligen Studenten des Stipendienprogramms, Arzt und ehrenamtlicher Helfer in Casablanca und Rabat, der in den Tagen auch in den Lagern in Oujda medizinische Versorgung anbieten wird. Sein Dienst wird von großer Bedeutung sein, nachdem Ärzte ohne Grenzen ihren Dienst aufgeben mussten. Aus diesem Grund haben wir den ganzen Kofferraum voll Medikamente und Verbandszeug gepackt.
Wir müssen auch einen ehrenamtlichen Helfer aus Rabat finden, der am Tag unserer Ankunft verhaftet und in der Nacht nach Oujda verschleppt wurde, um dort irgendwo im berüchtigten Grenzgebiet zu Algerien ausgesetzt zu werden. Wir alle hoffen, ihn zu finden und wieder mit zurücknehmen zu können. So erleben wir die Wirklichkeit für die Flüchtlinge an diesem konkreten Fall hautnah.

Das Team
Noch am selben Abend treffen wir das Team der afrikanischen Studentinnen und Studenten, die die Hilfe für die Flüchtlinge durchführen. Im Moment interessieren wir uns alle aber nur für den neuen Papst. Sehr bedenklich. Wir knien!! als Protestanten vor einem IPad und schauen N-TV. Wir haben viel Spaß, als wir uns das bewusst machen, was für ein Bild wir da gerade abgeben.
Das Team ist wunderbar. Die Studierenden sind phantastisch und bewundernswert. Sie haben es selber nicht leicht als afrikanische Studierende. Weit weg von der Heimat, über viele Jahre von der Familie getrennt, kämpfen sie selber einen harten Lebenskampf, leben in schwierigen Wohnverhältnissen und müssen mit wenig Geld auskommen und trotzdem nehmen sie sich noch die Zeit für ihren Dienst der Nächstenliebe an den Flüchtlingen.
Sie kämpfen auch mit Worten um die Wohnung ihres Pfarrers in Oujda, die auf Dauer für die EEAM nicht bezahlbar sein wird, weil der zweite Mitbewohner, Diachari, ausgezogen ist. Man merkt der Diskussion an: Ihre Kirche und ihr Pfarrer vor Ort sind ihnen wichtig. Sie sind weit weg von den Gemeinden in Rabat und Casablanca, deswegen wollen sie ihre Gemeinde gewürdigt wissen in dem, wie ihr Pfarrer und seine Familie leben.
Sie sind fröhliche junge Menschen, mit klaren Zielen für ihre Zukunft, die sie so konsequent und erfolgreich verfolgen. Sie lachen viel und wirken unbekümmert und im nächsten Augenblick können sie ganz ernst sein, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit sprechen, die sie aus ihrem tiefen Glauben heraus tun.
Und sie sprechen während der nächsten Tage auch ganz ernst über ihre Wut und Ohnmacht, dass sie nur so wenig tun können für die Flüchtlinge und ihre Hilfe nie reicht, weil die Not so groß ist und sich nichts durch ihre Hilfe zu ändern scheint.
Für die Flüchtlinge aber, das sagen alle Flüchtlinge die wir treffen, ist diese Hilfe unendlich viel. Sie ist ein Lebenszeichen, dass sie nicht vergessen sind, sie ist ein Geschenk von Würde, die in den Wäldern und in den täglichen brutalen Begegnungen mit der Polizei und den Sicherheitskräften verloren geht.
Ich bin froh, dass mir die Studenten sagen, dass sie ihre furchtbaren Eindrücke von der Situation der Flüchtlinge trennen können von ihrem Studium und ihrem persönlichen Leben, um nicht selbst den Lebensmut zu verlieren. Alle sagen, dass diese Erfahrungen wertvoll seien für ihre berufliche Entwicklung. Alle wollen mit ihrer Ausbildung dazu beitragen, die Situation in ihren Heimatländern zu verbessern, um die Fluchtursachen bekämpfen zu können.

Die Nothilfe
Am nächsten Tag gehen wir mit dem Team in die Lager in den Wäldern und verteilen Lebensmittel und Socken. Und Cody, unser Arzt aus Casablanca, der gestern Abend noch angekommen ist, hat mit den Medikamenten und dem Verbandszeug, das wir mitgebracht haben, viele Wunden und Entzündungen an Füßen und Beinen versorgt. Seit Ärzte ohne Grenzen angewiesen wurde, die Arbeit einzustellen, gibt es keinerlei medizinische Versorgung mehr. Jede schwere Verletzung oder Krankheit ist ein Todesurteil.
Ich habe in viele tieftraurige Gesichter gesehen. Alle jungen Afrikaner denen wir begegnen sind ausgehungert und erschöpft. Aber ganz ruhig, diszipliniert, demütig und fast ein wenig beschämt nehmen sie Brot, Croissants und Getränke an. Erst allmählich verlieren sie ihre Zurückhaltung und bedienen sich selbst. Ihren Hunger verbergen sie nun nicht mehr. Es ist sehr kalt in den Bergen und den Wäldern und es fehlt den Menschen an allem. Ich friere in meiner Winterbekleidung und mir kommen die Tränen, wenn ich die spärliche Bekleidung der Menschen um mich herum betrachte.
Manche hatte nur Flip-Flops an ihren nackten Füßen, die meisten alte und kaputte Schuhe, die zu groß oder zu klein waren.
Diese Menschen sind weniger als Sklaven, geht es mir durch den Kopf. Die haben wenigsten noch einen Herrn, der ihnen das nötigste zu Essen gibt, und einen Platz zum Schlafen, damit sie überleben. Die Menschen dort in Oujda haben nichts und existieren nicht, obwohl sie existieren. Sie haben keinerlei Rechte, sind Freiwild, jeder Willkür hilflos ausgesetzt. Wenn ihnen das wenige, was sie sich erbetteln oder stehlen abgenommen wird und sie sich wehren, so erzählen sie uns, werden sie niemals geschützt. Rechte gelten für sie nicht. So haben sie immer unterwürfig zu sein und am besten machten sie sich unsichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Als wir in den Wäldern waren, kam gleich der Geheimdienst als »Jogger« getarnt vorbei. Niemand aber joggt jemals in dieser Gegend. Die Helfer sind sicher, dass den Flüchtlingen das Essen, was wir da gelassen haben, gleich wieder abgenommen wird.
Die Polizei kommt sowieso jeden Morgen um 5.00 Uhr um die Gruppen zu vertreiben und ihnen alles abzunehmen und die provisorischen Zelte aus Decken und Planen zu zerstören.

Nachmittags treffen wir eine andere Gruppe von Flüchtlingen, die sich in verlassenen Baracken nahe der algerischen Grenze verstecken. Auch sie werden mit Nahrung versorgt und medizinisch betreut. Auch hier müssen sie jederzeit damit rechnen, von der Polizei vertrieben zu werden.
Bei der letzten Razzia, so erzählen sie, hat die Polizei alles in den Baracken und Stallungen niedergebrannt was die Menschen an wenigen Habseligkeiten hatten.
Das Baby, das wir in den Baracken in Oujda angetroffen hatten, war auch dort in der Baracke auf dem Lehmboden geboren. Eine Geburt in einem Stall auf den Feldern, weit außerhalb der Stadt an der algerischen Grenze.
Alle Frauen mit Babys und kleinen Kindern, die wir hier und später in Fes treffen, bestätigen uns, dass ihre Kinder keine Geburtsurkunden oder Dokumente bekommen. Sie existieren also nicht und werden niemals eine Schule besuchen können und lesen und schreiben lernen. Dabei hat jedes Kind von Geburt an Anspruch auf einen Namen und das Recht, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben, ein Recht auf Gesundheit und Bildung. Was will Marokko, was will Europa mit diesen Kindern anfangen? Sie hatten nie eine Wahl in ihrem Leben und sind nicht »Schuld« an ihrem Schicksal. Aber sind eine vergessene Generation und existieren doch.

Abends treffen wir gleich noch einmal mit dem Team zusammen, um zu beraten, wie es weitergehen kann. Auch das Team aus Studierenden ist sehr frustriert, nur wenig helfen zu können und sich nichts ändert, sondern wird immer schwerer.

Das Geschäft mit dem Drama
Durch einen Besuch in einem provisorischen Zeltlager aus Plastikplanen und Decken auf dem Gelände der Universität und durch ein Treffen mit einem Afrikaner, der seit 18 Jahren in Oujda lebt und wohl Teil des kriminellen Systems ist, lerne ich durch Beobachten und zwischen den Zeilen lesen die Strukturen hinter dem Flüchtlingsdrama kennen. Es gibt immer welche, die mit der Not der anderen Geschäfte machen.
Das Lager auf dem Gelände der Universität ist in den letzten Monaten vor Übergriffen der Polizei geschützt. Irgendjemand scheint dafür zu bezahlen. Ich vermute, der Chef, den Samuel und ich getroffen haben.
Er sagt von sich, mit dem Polizeipräsidenten befreundet zu sein und jeden zu kennen. Er scheint in Oujda vernetzt und bekannt zu sein. Er kennt auch alle geheimen Wege durch die Polizei- und Militärkontrollen im Grenzgebiet, wo die Flüchtlinge ausgesetzt und über die algerische Grenze getrieben werden. Wahrscheinlich verdient er sein Geld mit Schlepperdiensten zurück nach Marokko, durch Prostitution und den Verkauf von Kindern. Alles das gibt es dort.
Uns wurde von unserem Kontaktmann zu ihm zurückhaltend gesagt, er sei nicht clean. Aber ohne ihn würden wir es nicht schaffen ins Grenzgebiet zu kommen, um mit eigenen Augen zu sehen wo die Flüchtlinge nachts ausgesetzt werden.
Wer kein Geld hat, kommt nicht ins geschützte Lager, sondern muss in den Wäldern campieren. Wir haben an einer Bibelstunde in einer Zeltkirche auf dem Gelände teilgenommen. Was für ein Erlebnis: eine christliche Kirche für illegale Flüchtlinge auf einem Gelände einer marokkanischen Universität in einem islamischen Staat.
Bei aller Freude darüber: der »Pfarrer« schien mir zugleich der Chef des Lagers zu sein und seine »Geschäfte« zu machen.
Wir haben ihm dennoch englischsprachige Bibeln gegeben und Medikamente mit der Auflage, beides umsonst zu verteilen. So weiß er, dass wir wissen, wie das System funktioniert und vielleicht kann es zu einer Kooperation des Pfarrers der EEAM vor Ort in Oujda, Jerouf, mit ihm kommen, um auch den Flüchtlingen im Lager Hilfe zukommen zu lassen oder die Flüchtlinge in den Wäldern besser zu schützen. Wenigsten dass sie ihr Wasser an der Universität umsonst bekommen und nicht für jedes Telefonat oder das Laden eigener Handys überteuerte Preise bezahlen zu müssen.

Todeszaun statt Lebenstraum
Oujda ist für alle Flüchtlinge das Ende der Welt. Hier sind sie weit weg von allen Möglichkeiten Europa zu erreichen. Sie werden deswegen wohl immer wieder nach Oujda zurückgebracht und von Casablanca oder Rabat nach Oujda verschleppt. Trotzdem versuchen sie von hier aus immer wieder ihr Glück. Etwas anderes bleibt ihnen nicht, als allein dieser Traum. Nur dieser Traum erhält sie am Leben. Wenn wir ihnen den Traum nehmen würden und ihr Traum stirbt, dann sterben sie selbst. Ich habe in dem Lager in den Wäldern einen Jungen aus Mali getroffen, der schon zwanzigmal versucht hat in Nador an der Küste nach Medina, der spanischen Enklave vor der Küste, nach Medina zu schwimmen. Dafür muss ein sieben Meter hoher Grenzzaun aus einer doppelten Zaunanlage aus scharfkantigem Draht überwunden werden. Die Flüchtlinge lassen sich dann aus sieben Meter Höhe in den Zwischenraum fallen, so erzählen sie uns. Viele haben Freunde, Verwandte, Geschwister bei diesem Versuch sterben sehen.
Die wenigsten erreichen Medina. Aber auch sie werden von der spanischen Grenzpolizei aufgegriffen und dem marokkanischen Militär übergeben. Die Flüchtlinge berichten uns, dass die spanische Grenzpolizei den Militärs Geld dafür gibt, damit sie die Flüchtlinge zurücknehmen.
Zusammen mit denen, die vorher von der marokkanischen Polizei aufgegriffen werden, werden sie zurück in das Grenzgebiet zu Algerien bei Oujda verschleppt. Dort werden sie vereinzelt nachts ausgesetzt und über die algerische Grenze getrieben. Von dort treiben die algerischen Grenzsoldaten sie wieder zurück auf marokkanisches Grenzgebiet. Es gibt einen Schießbefehl. Ob er angewendet wird, wissen wir nicht. Was mit Verletzten geschieht die zurückbleiben, können wir nur aus den Berichten erahnen. Ohne Wasser und Nahrung werden die Flüchtlinge ausgesetzt. Alles wenige Hab und Gut wird ihnen abgenommen. Auch Kleidung und vor allem die Schuhe. Von dort sind sie gezwungen, barfuß einen Tag lang nach Oujda über große Umwege, an den Polizeistationen vorbei, zurück zu laufen. Deswegen haben alle Flüchtlinge schlimme verletzte Füße.
Nirgendwo sind sie willkommen, überall werden sie vertrieben. Ihren Traum werden die wenigstens sich erfüllen.
Die EU muss wenigsten die Einhaltung der Menschenrechte in Marokko einfordern und ihnen geordnete und geschützte Flüchtlingslager und medizinische Versorgung zugestehen.
Aber Marokko behandelt die Menschen ja so, weil die EU ihnen viel Geld gibt, damit sie das Problem »lösen« und damit die Flüchtlinge Europa niemals erreichen. Dafür sind beinahe alle Mittel recht.

Dazu kommt das große Elend, dass alle Menschen schon hinter sich haben die Marokko oft nach Monaten, oder gar erst Jahren, erreichen.
Immer wieder muss dafür bezahlt werden, ein paar Stationen weiter zu kommen, erzählen uns die Flüchtlinge in Fes.
Frauen müssen sich prostituieren. Die Kinder die geboren werden sind nicht aus Liebe gezeugt. Oft sind Frauen Opfer von Vergewaltigungen auf der Flucht. Oft von den Grenzsoldaten, deren Grenzen passiert werden müssen.
Manche Frauen glauben auch, mit Baby eher in Europa aufgenommen zu werden.
Alle die geflohen sind, mit denen ich gesprochen habe, fliehen, weil die Lebenssituation zu Hause aussichtslos scheint. Die Abschreckungspolitik Europas aber zeigt erste Reaktionen. Zum ersten Mal während meiner Reisen nach Marokko berichten Flüchtlinge, dass sie nicht die Strapazen auf sich genommen hätten, nach Marokko zu gelangen, wenn sie geahnt hätten, was sie in Wirklichkeit hier erwartet. Und wenn es eben geht, melden sie an Freunde und Verwandte in ihre Heimatländer zurück, den Weg nicht anzutreten.
Trotzdem bleibt der Strom der Flüchtlinge ungebrochen. Jeder geht davon aus, er sei derjenige, der es nach Europa schafft, auch wenn sie alle wissen, dass es die meisten nicht schaffen und auf der langen Flucht sterben. In Fes berichtet ein Flüchtling von einem Brunnen der vergiftet war und an dem viele Menschen gestorben sind. Alle haben auf der Flucht Freunde und Geschwister verloren. Meistens treffen wir auf junge Männer, oft noch Jugendliche. Viele von ihnen erzählen, dass Vater oder/und Mutter in der Heimat verstorben sind. Andere lassen Frau und Kinder zurück und haben seit Jahren keinen Kontakt zu ihnen.

Kämpfen aus dem Glauben
Die Situation ist frustrierend und alle scheinen Recht zu haben, die sagen, mit eurem Engagement ändert ihr doch eh nichts.
Aber dürfen wir den Glauben daran aufgeben? Abends haben wir im Team genau über diese Frage diskutiert.
Wollen wir annehmen, dass Gottes Gerechtigkeit nicht mehr gilt?
Die Psalmen singen von Gottes Gerechtigkeit wider allen Augenschein und alle Realität.
Die Bibel weiß das. Die Psalmen erzählen davon. Die Menschen klagen in politischen Liedern Gott ihr Leid und erinnern sich und die anderen an seine Gerechtigkeit. Sein Wort ist damals noch Maß für Recht und Gerechtigkeit und sie erleben, wie es täglich gebrochen wird. Aber das macht diese andere Unrechtsordnung noch lange nicht zu einer Rechtsordnung.
»Der HERR ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.« (Psalm 11,7)
Den Kritikern sagt der Psalmist: Doch, Gottes Gerechtigkeit wird sich durchsetzen. Gottes Thora, dieses wunderbare Gesetzbuch wird die Rechtsordnung einer neuen Zeit.
Wir Christinnen und Christen beziehen uns auf alten biblischen Traditionen, die sich für eine menschlich gerechte Welt einsetzen.
Zuhause ist diese Gerechtigkeit bei Gott. Und wenn wir sie, schwach und unvollkommen im Augenblick, nicht verwirklichen und nicht durchsetzen können, so bleibt sie für uns als Kirche doch eine große Hoffnung, eine Herausforderung und ein Ansporn, sie einzufordern und danach zu leben.
Was bis zum heutigen Tag bleiben wird, ist die Sozial- und Gesellschaftskritik als unverzichtbarer Teil der biblischen Tradition und Botschaft.
Die Propheten prophezeien dem Volk Israel immer wieder: ihre Situation wird sich ändern. Und sie hat sich geändert. Nicht immer sogleich. Oft erst Generationen später. Aber sie ändert sich.
Das Volk Israel wird aus der Knechtschaft befreit. 40 Jahre Wüstenwanderung gehen zu Ende. Ebenso 70 Jahre Exil in Babylon. Oft haben erst spätere Generationen erfahren, dass sich alles ändert, weil Menschen früherer Generation gegen allen Widerschein den Glauben daran nicht verloren haben und an den Liedern von Gottesgerechtigkeit festgehalten haben.
Wir dürfen nicht den Glauben daran verlieren, dass Gott die Situation ändern wird, auch wenn wir es vielleicht nicht mehr erleben. Die jungen Studierenden geben den Glauben nicht auf und so geben sie mit ihrem aufopferungsvollen Dienst unter großen Gefahren für ihr eigenes Leben die Hoffnung auf Gottes Verheißungen weiter. Wenn sich ihre Menschlichkeit verliert, ist der Mensch verloren.
Die Flüchtlinge hoffen jedenfalls ganz fest darauf, dass wir den Glauben nicht verlieren.

Beten und Tun des Gerechten
Beten und Tun des Gerechten. Praxis Pietatis. In Marokko erfahre ich, was Bonhoeffer damit gemeint hat und welche Kraft das entwickeln kann.
An die Flüchtlinge in den Baracken nahe der Grenze haben wir Bibeln verteilt. Auch hier noch geduldig und zurückhaltend bei der Verteilung des Essens kommt Streit auf bei der Verteilung der Bibeln. Jeder möchte solch einen »Schatz« in Händen halten. Wir haben dann Gottesdienst draußen im Sitzkreis vor den Baracken gefeiert und biblische Geschichten geteilt und uns erzählt, was sie uns bedeuten. Mir kam Matthäus 25,31ff in den Sinn und ich lese die englische Übersetzung: vom Weltgericht. Die Flüchtlinge waren hungrig und die jungen Menschen haben ihnen Nahrung gebracht, sie waren durstig und sie haben ihnen Wasser und Saft gebracht, ihre Füße waren nackt, und sie haben ihnen Socken geschenkt. Sie sind Fremde und doch haben sie sich ihrer angenommen. Sie sind gefangen in ihrem Schmerz und doch erfahren sie so Befreiung, weil sie nicht vergessen sind. Sie sind krank und sie haben sie versorgt.
Und wir haben miteinander gebetet darum, dass Kinder Papiere bekommen und zur Schule gehen dürfen und um Soldaten und Polizisten, die ein mildes und offenes Herz haben für die Not und die Flüchtlinge nicht mit größter Brutalität behandeln.
Und wir waren eins in Christus und in unserem Glauben.

Schon die Vorstellung ist unerträglich
Samuel Amedro, Jerouf und ich haben uns am nächsten Morgen ganz früh von dem Guide mit seinen vielen undurchsichtigen Kontakten ins Grenzgebiet zwischen Algerien und Marokko an allen Polizeistationen vorbei auf einem abenteuerlichen Weg abseits aller befestigten Wege einschleusen lassen. Gut, dass Samuels Auto Allrad hat. Wir haben uns sicher auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen, aber ohne ihn wäre es unmöglich gewesen, dort unbemerkt hinzugelangen.
Die Vorstellung dort nachts vereinzelt ausgesetzt zu werden ohne Kleidung und Schuhe, ohne Nahrung und Wasser, Frauen mit Babys, die einen Tag alt sind und gerade entbunden wurden, ist schrecklich. Aber das ist die Wirklichkeit. Der Weg zurück nach Oujda dauert barfuß bis zu 12 Stunden, wenn man unverletzt ist. Jede größere Verletzung kann das Todesurteil bedeuten, weil man ganz auf sich allein gestellt ist und von der Polizei zurückgetrieben wird. Auf Hilfe kann in diesem Gebiet niemand hoffen.

Rückfahrt
Ist es dann nicht ein Wunder, dass wir am Freitagmorgen vor der Abfahrt den ehrenamtlichen Helfer aus Rabat wieder mitnehmen konnten?
Er hat uns berichtet, dass er genau dort im Grenzgebiet nachts von der Polizei ausgesetzt wurde. Seine Schuhe musste er abgeben, und sich zu Fuß zurück auf den Weg machen. Er stand den ganzen Tag noch unter Schock und der Todesschrecken war ihm deutlich anzumerken. Aber er konnte uns berichten, dass er nicht nach Algerien über die Grenze gejagt wurde und sogar auf einen Soldaten getroffen ist, der ihm den Weg nach Oujda gezeigt hat. Gott sei Dank gibt es so etwas auch. Gestern noch haben wir mit den Flüchtlingen genau darum gebetet.

Wir setzen ihn am späten Abend der Rückfahrt noch in Rabat ab. Dort wird er von Angel und Jeromel, ebenfalls ganz tolle ehrenamtliche Helfer in Rabat, mit großer Freude empfangen. Und ich treffe so noch Freunde aus Rabat wieder. Es ist ein herzliches Willkommen. Alle sagen, es war ein Wunder, dass wir ihn wiedergefunden haben.

Auf dem Rückweg nach Casablanca haben wir vorher noch bis zur Dunkelheit Zwischenstation in der Kirchengemeinde und ihrer Flüchtlingsarbeit in Fes gemacht. Wir waren noch in zwei Wohnquartieren in Fes und haben mit den Flüchtlingen dort gesprochen, während der Arzt in der Kirche eine Sprechstunde abgehalten hat.
Alle waren so unendlich dankbar für die wenige Hilfe, die sie von der Kirche bekommen. Es ist ihre einzige. Ich habe viele traurige Geschichten gehört und in viele erschöpfte Gesichter geschaut.
In einer Wohnung, die nicht als solche bezeichnet werden kann, lebten in vier kleinen Räumen, die mehr Löcher waren von max. 9 qm ohne ein Fenster und nur mit einer Türe zu einem langen schmalen Flur, ca. 25 junge Menschen. Alle waren junge Männer, die wir angetroffen haben. Der jüngste war 17 Jahre alt, die meisten um die 20 Jahre, wenige an die dreißig Jahre alt. Sie kommen aus Mali, aus Nigeria, aus Ghana und dem Kongo, von der Elfenbeinküste, aus Kamerun, manche sogar aus Südafrika. Einige erzählen von ihrer guten Ausbildung in Telekommunikation, als Informatiker oder Tischler.
Ein junger Mann ist verletzt an der Hand und am Kopf. Er ist von 5 Militärs zusammengeschlagen worden, bei dem Versuch in Nador die Grenze zu überwinden. Samuel bringt ihn sofort zu unserem Arzt in die Kirche, um die Wunden verbinden und desinfizieren zu lassen.
In einem solchen dunklen und sehr stickigen Raum lag eine schwangere junge Frau auf einer Matratze als einzigem Ausstattungsgegenstand, wie in allen Räumen. Auf dem Arm hatte sie ein Baby von ca. 2 Jahren und sie erwartete Zwillinge. Wie bei allen kleinen Kindern, die wir angetroffen haben, hatte auch sie keine Geburtspapiere oder Dokumente. Wenigstens war ihr Baby hier in Fes in einem Krankenhaus geboren.
In einer weiteren Wohnung lebten 25 männliche Jugendliche in einem Raum, der nur mit Matratzen ausgelegt war und dem in der Ecke ein Topf auf einem Gaskocher köchelte.
Auch hier sind alle unendlich froh und dankbar über die bescheidene Hilfe der ehrenamtlichen Mitarbeitenden der evangelischen Kirche. Für einen kleinen Moment in dieser unendlich wertvollen Begegnung erhalten sie ihre Würde und ihre Menschlichkeit zurück.

The Universal Declaration of Human Rights
(Zusammenfassung)
Alle Menschen haben ein Recht auf:
- Leben, Freiheit und Schutz der Person
- Freiheit von Sklaverei und Benachteiligung
- Familie und Heirat
- Eigentum
- eine Staatsbürgerschaft und Regierungsbeteiligung
- Bildung, Arbeit, Erholung und Freizeit
- einen angenehmen Lebensstandard und Sicherheit

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 21. März 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 21. März 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 21.03.2013



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