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Karl Marx Foto: John Jabez Edwin Mayal [Public domain], via Wikimedia Commons Karl Marx Foto: John Jabez Edwin Mayal [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren

"Der Kampf war sein wirklicher Lebensberuf"

Karl Marx gilt als einflussreichster Theoretiker des Kommunismus. Umstritten sind die Analysen des Mannes mit dem Rauschebart bis heute. Doch Globalisierung, Finanzcrash und Klimawandel rücken seine Ideen in ein neues Licht. Spannend ist der Blick auf - unterschiedliche - Konzepte von Arbeit - nach Marx und in biblischer Sicht.

Er war Philosoph, Ökonom, Journalist, Religionskritiker - und Flüchtling: Karl Marx (1818-1883), der Schöpfer der marxistischen Wissenschaftstheorie. Über ihn sagte sein lebenslanger Mitstreiter Friedrich Engels: "Der Kampf war sein Element. Mitzuwirken am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft (...) und der Befreiung des modernen Proletariats (...), das war sein wirklicher Lebensberuf." Vor 200 Jahren, am 5. Mai 1818, wurde Karl Marx in Trier geboren.

Der Mann mit dem wallenden schwarzen Vollbart wurde zum Kritiker des Kapitalismus, der bürgerlichen Gesellschaft - und damit auch der Kirchen - schlechthin. Mehrfach hat man ihn als Aufrührer des Landes verwiesen. Der Vordenker einer "proletarischen Revolution" verbrachte fast sein ganzes Leben lang als Staatenloser im Exil.

Bekannt und umstritten

Kaum eine historische Figur des 19. Jahrhunderts ist heute noch so bekannt und gleichermaßen umstritten wie Marx, auch, weil seine Erkenntnisse die Blaupause lieferten für viele, letztlich gescheiterte sozialistische Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle, für kommunistische Diktaturen mit Unterdrückung und Terror.

Marx hinterließ eine Fülle überaus sperriger Schriften, die aber noch immer einen erstaunlichen Sog ausüben. Angesichts von Globalisierung, wachsender sozialer Ungleichheit, Finanzcrash und Klimawandel steht für viele die Frage im Raum, ob sich der Kapitalismus, wie von Marx vorhergesagt, womöglich doch selbst auffrisst.

Arroganter Gelehrter

"Er konnte brillant formulieren, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und dazu ein unglaubliches enzyklopädisches Wissen. Ein später Universalgelehrter mit großer intellektueller Spannbreite. Gleichzeitig berichten Zeitzeugen von seiner schneidenden Arroganz", sagt Marx-Biograf Jürgen Neffe.

Die Jenaer Historikerin und Buchautorin Christina Morina urteilt: "Marx formulierte Emotionen auf eine Weise, wie es seinerzeit keiner vor ihm und vielleicht nur Engels mit und nach ihm konnte."

Vergleich mit protestantischer Arbeitsethik

Karl Marx‘ 200. Geburtstag ist ein Anlass, über das „Marx‘sche Arbeitsverständnis und die protestantische Arbeitsethik“ zu sprechen, fand der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg / Niederrhein und lud dazu in die Kreuzeskirche Duisburg-Marxloh ein. Den Vortrag hielt Prof. Dr. Traugott Jähnichen, Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre der Evangelisch-Theologischen Fakultät der ruhr-Universität Bochum.

Um Marx zu verstehen, schickt Jähnichen „Hegel“ voraus. Durch Arbeit, so der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), erwerbe der Mensch Freiheit. Die zunehmende Mechanisierung allerdings sorge für Ambivalenz: Maschinen entlasten von schwerer körperlicher Arbeit, zugleich sorge mechanisierte Arbeit für wachsende Entfremdung. Und dann kommt Marx und findet: Hegel denkt das zu abstrakt.

Marx: Verhältnisse umwälzen

Marx kritisiert das Herr-Knecht-Verhältnis. Den Gegensatz von Produktionsmittelbesitzern und Proletariern. In der modernen Industrie sind Arbeitermassen in der Fabrik des Kapitalisten zusammengedrängt. Geknechtet von Maschinen, Aufsehern, „fabrizierenden Bourgeois“, so bezeichnet im Manifest der Kommunistischen Partei. Das Ziel müsse sein, fasst Jähnichen zusammen: die Entfremdung der Arbeit und damit des Menschen schlechthin aufzuheben; die Produktionsverhältnisse umzuwälzen.

Der „späte Marx“, so Jähnichen, beklagt die „Akkumulation von Reichtum“ einerseits, auf der anderen Seite von „Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation“. Gewerkschaften sind für Marx „Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten der Kapitals“. Das Lohnsystem gehöre abgeschafft.

Bibel: Arbeit als Teilhabe

Demgegenüber skizziert Prof. Jähnichen den protestantischen Arbeitsethos. Er basiert auf der biblischen Sicht von Arbeit: Sie gehöre wesentlich zum Menschsein und bedeute Teilhabe an der gemeinsamen Weltverantwortung. Arbeit stehe immer in Spannung von Fluch und Segen, von entfremdeten und gelungenen Erfahrungen.

Arbeit brauche Begrenzungen: die Ruhe des Sabbats, die Muße des Sonntags, so Jähnichen. Außerdem „kann Arbeit sinnvoll nur als Gemeinschaftswerk verstanden werden“. Alle bringen Begabungen und Berufungen ein. „Deshalb ist Arbeit auf Kooperation und Solidarität angewiesen.“

Ziel ist Selbstbestimmung

Bei Marx sei Arbeit für das Menschsein des Menschen tendenziell "überbewertet", als "erstes Lebensbedürfnis", sagt Jähnichen. Demgegenüber stehe die biblische Tradition für die Einbettung von Arbeit in die Kultur der Ruhe und der Begrenzung. Die Begrenzung der Arbeit im Sinn einer Kürzung der notwendigen Arbeit zur Produktion der zum Leben nötigen Dinge finde sich auch beim "späten" Marx.

Das evangelische Bild der Arbeit bedeutet: Wegen der Ambivalenzen muss Arbeit menschenwürdig gestaltet werden. Nötig ist u. a.: von Arbeit gut leben können, Rechte im Betrieb wie Mitbestimmung. Spitzer formuliert: Das biblische Arbeitsverständnis und damit die evangelische Sozialethik bedeutet: Inhumane Arbeitsbedingungen sind radikal zu kritisieren. Aber im Unterschied zu Marx wird Arbeit nicht generell als  Quell von Verelendung gesehen. Vielmehr führt sie zu Selbstbestimmung – bzw. soll es.

Professorenlaufbahn verwehrt

Die Eltern stammten aus Rabbinerfamilien, Karl Marx und seine Geschwister wurden aber protestantisch getauft. Marx studierte Rechtswissenschaft und Philosophie in Bonn und Berlin, promovierte in Jena. Weil ihm als oppositionellem Denker in Preußen eine Professorenlaufbahn verwehrt blieb, wurde er freier Mitarbeiter, später Chefredakteur der liberalen "Rheinischen Zeitung" in Köln, wo er 1842 erstmals den Fabrikantensohn Friedrich Engels (1820-1895) traf.

Marx eckte mit seinen Elogen auf den Kommunismus an und musste nach Paris ziehen, 1845 dann weiter nach Brüssel. Das Geld war immer knapp. Jenny Marx redigierte die Texte ihres Mannes, "übersetzte" dessen kaum lesbare Handschrift für die Drucker. Die Familie überlebte nur dank finanzieller Hilfen, die ihnen Engels zukommen ließ.

Gründungsurkunde des Kommunismus

1848 erschien das Kommunistische Manifest - die Gründungsurkunde des modernen Kommunismus. Marx legt dar, warum der Zwang zur Maximierung des Mehrwerts und die steten Konzentrationsprozesse innerhalb der Wirtschaft nach seiner Auffassung unausweichlich zum Ende des Kapitalismus führen müssen.

Dieses System könne den Reichtum der Gesellschaft auf lange Sicht "nur entwickeln, indem es zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter", heißt es später im "Kapital". "Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt."

1848 musste Marx mit seiner Familie auch Brüssel verlassen. Sie gingen zunächst zurück nach Köln, dann endgültig nach London. Dort durchlebten sie schwere Zeiten, drei der sieben Kinder starben, die Ehe kriselte.

Nicht der Erfinder des Kommunismus

Marx arbeitete unablässig an seinem Hauptwerk "Das Kapital", dessen erster Band 1867 erschien. Später sollten es drei sein, die stolze 2.200 Seiten zählen. Am 14. März 1883 starb Karl Marx in London, 15 Monate nach seiner Frau. Engels würdigte Karl Marx als einen Freund, der "tiefer und weiter geschaut hat als alle, er war das Genie, wir allenfalls Talente".

Marx war jedoch nicht der "Erfinder" des Kommunismus. Visionen egalitärer Gesellschaftssysteme waren längst in der Welt. Marx' Lehre sei die "rechtmäßige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und des französischen Sozialismus hervorgebracht hat", urteilte später Lenin.

Starkes Sendungsbewusstsein

Der jüdische Sozialist Moses Hess, der Marx wohl als erster die Idee des Kommunismus nahebrachte, schrieb 1841 in einem Brief an einen Freund: "Denke Dir Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vereinigt; ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmissen, so hast Du Dr. Marx."

Marx ging einen beschwerlichen Lebensweg, prinzipientreu und von starkem Sendungsbewusstsein getragen, das schon früh aufblitzte. Sein Thema im Abituraufsatz lautete: "Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl des Berufes". Dazu schrieb der Abiturient Marx: "Die Hauptlenkerin bei der Wahl des Berufes muss das Wohl der Menschheit sein (...). Wenn der Mensche nur für sich allein schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein."

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