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Musik machte Felix Waltz mit Studierenden der Essener Folkwang-Hochschule. Die haben sich für die Missionale spontan zusammengefunden. Mit auf der Bühne: ein Gebärdenchor.  Musik machte Felix Waltz mit Studierenden der Essener Folkwang-Hochschule. Sie haben sich für die Missionale spontan zusammengefunden. Mit auf der Bühne: ein Gebärdenchor.

Missionale

Mutig dem Auftrag folgen

Über Gemeindekultur, Nachfolge und Lebenskunst und viele andere Themen haben sich  rund 1000 Christinnen und Christen aus Landes- und Freikirchen, Werken und anderen missionarischen Gruppen am Samstag auf der 42. Missionale in Köln ausgetauscht. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Tu, was du glaubst“.

Landespfarrer Christoph Nötzel wirbt auf der Missionale für einen Glauben auf Probe. Landespfarrer Christoph Nötzel wirbt auf der Missionale für einen Glauben auf Probe.

Tu’s – ein Wort leuchtet auf der Leinwand hinter Christoph Nötzel auf. Es ist die Kurzform des Mottos „Tu, was du glaubst“. Nötzel wirbt für einen Glauben auf Probe: Einfach testen, ob die Beziehung zu Gott trägt. Bei ihm hat es funktioniert. Seitdem umwirbt er Menschen, es mit dem Glauben zu versuchen. Christoph Nötzel ist Landespfarrer für Missionale Kirche im Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung der Evangelischen Kirche im Rheinland. In seiner Verantwortung liegt auch die Missionale, die in der Halle 11 der Kölner Messe begonnen hat.

Vor mehr als tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern berichtet er, wie es bei ihm mit dem Glauben begann. Seine Tanzpartnerin hat ihn zu einer Kirchengemeinde eingeladen, und er ist mitgekommen. Ein bisschen Verliebtheit hat auch mitgespielt, verrät er. Dann lädt er zum Nachdenken ein. Die Band spielt meditativen Rock. Vier Studenten der Essener Folkwang-Hochschule haben sich unter der Leitung von Felix Waltz spontan zusammengefunden. „In diesem Jahr haben wir auf große Namen von Musikern verzichtet“, hat Nötzel vorher erzählt. Das sei ein Wagnis. Aber es geht auf.

Was eine Gemeinde tut, sollte von ihrem Auftrag bestimmt werden

„Ich glaube, dass wir gemeinsam das Leuchten entdecken, das vom Reich Gottes ausgeht“, hat Moderatorin Antje Rinecker zu Beginn gesagt. Sie ist Gemeindeberaterin, Presbyterin und stellvertretende Leiterin des Kirchencafés „Himmel un Ääd“ in Bergisch Gladbach. 80 Ehrenamtliche engagieren sich dort. Vorher hat Nötzel davon gesprochen, dass das Treffen den Teilnehmenden Mut machen soll. Viele Kirchengemeinden stehen vor einem Rückbau, weil das Geld knapper wird. „Aber das, was eine Gemeinde tut, sollte von ihrem Auftrag bestimmt werden, nicht von ökonomischen Sorgen“, hält er dagegen.

Ganz in der Nähe in Halle 3 heizt die Gruppe „social beingz“ aus dem englischen Manchester jungen Besuchern ein. „Urban Pop“ heißt ihre Musikrichtung. Vor der Bühne tanzt eine Traube von Jugendlichen. Es gibt Sport, Workshops und natürlich viel Musik. Das Jugendfestival mit noch einmal mehr als tausend Leuten, organisiert und gemanagt von Jugendlichen, hat ebenso Tradition wie das Festival in der Halle 11.

Eine Art "Kirchentag" für missionarisch aktive Christinnen und Christen

Die Missionale fand zum 42. Mal statt. Die Missionale fand zum 42. Mal statt.

Die Missonale, eine Mischung aus Festival und Kongress für missionarische Gemeindearbeit, findet zum 42. Mal statt. Sie ist mit Abstand das größte jährliche Treffen in der rheinischen Kirche. Veranstaltungen wie diese gibt es nicht oft. Unter der Trägerschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland hat sich ein ökumenischer Trägerkreis von Führungskräften aus Landeskirchen, Freikirchen und freien Werken zusammengefunden, um jeweils im Februar oder März so etwas wie einen Kirchentag der missionarisch aktiven Christinnen und Christen zu veranstalten.

Damit ist die rheinische Kirche auch zu einem Bindeglied zwischen Landes- und Freikirchen, freien Werken wie dem CVJM und anderen Gruppen geworden. Alle sind hier vertreten. Zugleich hat die rheinische Kirche mit diesem Festival eine Marke geschaffen und ein Signal gesetzt: Auch missionarische Gruppen haben unter ihrem Dach Heimatrecht.

Eine Börse missionarischer Konzepte und Theorien

Gegründet wurde das Treffen 1977 vom früheren Landeskirchenrat Klaus Teschner. Er hat im Dezember seinen 80. Geburtstag gefeiert. Auch heute ist er zum Auftakt gekommen. Teschner war Studentenpfarrer in Wuppertal und später Leiter des Volksmissionarischen Amtes der Landeskirche. Von 1979 bis 2002 vertrat er das Rheinland in der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. 1989 kandidierte er neben dem Jülicher Superintendenten Peter Beier für das Amt des Präses der rheinischen Kirche.

Er rief einen regen Austausch mit der anglikanischen Kirche von England ins Leben. Sie muss mit einer viel weiter fortgeschrittenen Entkirchlichung ihrer Gesellschaft leben. Wie sie damit umgeht und welche Ideen sie entwickelt hat, um Menschen anzusprechen – das hat Teschner fasziniert, und deshalb hat er Vertreter ihres missionarischen Flügels auch nach Köln eingeladen und die Missionale zu einer Börse missionarischer Konzepte und Theorien gemacht.

Der Ablauf ist seit Jahren ähnlich: Die Stunde der Besinnung am Anfang, die Stunde der Begegnung mit Kaffee und Kuchen, die Stunde der Ermutigung mit diesmal acht Workshops, und zum Schluss die Stunde der Sendung. Die „Stunden“ sind unterschiedlich lang.

„Menschen merken immer, welche Signale von einer Gemeinde ausgehen“

Philipp Hermannsdörfer und Andi Balsam leiteten einen Workshop über Gemeindekultur. Philipp Hermannsdörfer und Andi Balsam leiteten einen Workshop über Gemeindekultur.

„Entscheidend ist, was Menschen spüren“, sagt Andi Balsam. „Menschen merken immer, welche Signale von einer Gemeinde ausgehen.“ Zum Beispiel, ob sie auf Besucherinnen und Besucher eingerichtet ist, ob diese willkommen sind oder ob eine Gemeinde es gewohnt ist, unter sich zu bleiben.

Der baptistische Pastor und Coach aus Gelsenkirchen hat auf der Missionale zu einem Workshop über Gemeindekultur eingeladen, zusammen mit seinem ebenfalls freikirchlichen Düsseldorfer Kollegen Philipp Hermannsdörfer und dem Kölner Theologen und Stadtführer Sascha Keller.  

Das Gefühl, gern gesehen zu sein, komme aus der Gemeinschaft, die die Anwesenden untereinander pflegen. Daher sei der Umgang innerhalb einer Gemeinde von großer Bedeutung. „Und das Spüren“, sagt Balsam, „wird immer wichtiger. Der Erkenntnisweg geht nicht nur über Vernunft und Logik.“ Denn Menschen sind wählerischer geworden, sie sind es heute gewohnt, nach Angeboten zu suchen, die ihnen zusagen und wo sie sich zuhause fühlen.

Balsam und Hermannsdörfer raten Gemeinden, darauf einzugehen, weil sie auch selbst davon profitieren. Und auch, „weil es Gott um Menschen geht. Deshalb sollte es auch uns um Menschen gehen.“ Balsams Kirche ist der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, die mitgliederstärkste Freikirche in Deutschland mit mehr als 80.000 Angehörigen.

Ihre Ursprünge liegen in Hamburg und in Wuppertal, da, wo auch ein Kerngebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland liegt. Auch der fast namensgleiche Bund Freier evangelischer Gemeinden, zu dem Hermannsdörfer gehört, hat seine Wurzeln in Wuppertal. Vielleicht deshalb pflegt die rheinische Kirche gute ökumenische Beziehungen auch zu den evangelischen Nachbarkirchen.

Viele Christinnen und Christen erleben sich als „immer leicht beschwert"

„Lebensfülle oder Nachfolge“ lautet das Thema von Peter Wick. Er lehrt an der Ruhr-Universität Bochum Neues Testament und Kirchengeschichte. Zwischen beiden Begriffen, sagt er in einem weiteren Workshop, klaffe bei vielen ernsthaft frommen Christen ein Graben, und deshalb wirkten sie manchmal verbissen: „Fülle und Freiheit ja, aber ich muss sie an die kurzen Zügel nehmen, sonst wird das Ganze zu gefährlich und ich zu egoistisch.“

Viele Christinnen und Christen erlebten sich als „immer leicht beschwert und haben immer ein schlechtes Gewissen, manchmal sogar gerade weil man ein schlechtes Gewissen hat, denn man sollte ja alles frei und freudig tun.“ Jüngere, sagt Wick, brechen eher als früher aus dieser zwanghaften Atmosphäre aus. Und dann kommen Ältere mit dem Vorwurf des Egoismus. Wick plädiert dagegen für eine christliche Lebenskunst, die man lernen und üben sollte.

Denn die Beziehung zu Gott sei wie alle Beziehungen kompliziert – und Gott gehe mit den Menschen eine Liebesbeziehung ein, und die sei noch einmal schwieriger, denn keine Seite könne sie erzwingen, nicht bei sich selbst und nicht beim Partner: „Wenn wir Gott für seine Geschenke lieber bezahlen, sie abarbeiten oder sie uns im Nachhinein verdienen, dann haben wir sie als Liebesgabe  abgelehnt.“ Dann stirbt die Liebe wie bei einem in die Jahre gekommenen Paar. Er rät dagegen: „Wir sollten uns die Zeit nehmen, um die Fülle dieser Beziehung zu glauben, zu leben und zu feiern.“

Wie kann man die Liebe zu Gott wachhalten?

Pia und Peter Wick. Bei seinem Workshop ging es um Nachfolge und Lebenskunst. Pia und Peter Wick. Bei seinem Workshop ging es um Nachfolge und Lebenskunst.

Zur Lebenskunst gehört für Wick der Umgang mit dem Körper. Seine Frau Pia kommt auf die Bühne. Sie ist Bewegungspädagogin. Und macht mit den 300 Zuhörern den Bodyscan: Den Sitz wahrnehmen, die Füße, die Hände, die Wirbelsäule. „Das ist unser Körper, und er ist die Wohnung des Heiligen Geistes“, sagt sie.                                                                               

Er kommt zurück zum Pult. Wie kann man die Liebe zu Gott wachhalten? Wick sagt: Durch das Lesen der Bibel. „Das Wort Gottes ist das mächtigste Mittel, um unsere Beziehungssysteme aufzubrechen und sie wieder zu echten Liebesbeziehungen werden zu lassen.“ Noch einmal löst Pia Wick ihn ab. Mit ihr strecken die Zuhörer die Arme und ballen die Fäuste, bis die ersten sie wieder sinken lassen. „Hinter der Anspannung kommt das Land der Schwäche“, sagt sie. „Da will Gott uns begegnen und seine Kraft entfalten.“

Am Schluss geht es um das Gespräch mit Gott. Wick sagt: Es besteht nicht so viel aus Reden, sondern aus Hinhalten, Schweigen und Warten. Es ist still geworden im Saal. Dann löst sich Applaus. In den stimmt mit erhobenen Händen auch der Gehörlosenchor ein. Er stand schon beim Beginn auf der Bühne. Daniela Freitag und Jürgen Reichelt begleiten die Gruppe und übersetzen Ansagen, Bibelarbeiten, Vorträge und Diskussionen in Gebärdensprache. Beide sind seit Jahren dabei, ehrenamtlich, wie die anderen 220 Helfer. Allein 180 organisieren das Jugendfestival.

„Folgt Jesus!“ – mit diesem Aufruf verabschiedet der Wuppertaler Pfarrer und Notfallseelsorger Joachim Hall die mehr als tausend Christinnen und Christen in der Messehalle 11. „Und seid euch sicher: Er geht mit euch.“ Denn Gott, sagt er, bleibt auch an er Seite der Menschen, wenn sie sich in ihrem Leben auf Holzwege begeben. Und er holt sie zurück. Mit diesem Eindruck fahren die tausend nach Hause, um ihre „Gemeinde in der Nachfolge“ – so hieß das Unterthema – weiterzuentwickeln.

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ekir.de / Text und Fotos: Wolfgang Thielmann / 24.03.2019



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