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Vizepräsident Johann Weusmann (li.) und Präses Manfred Rekowski beim Besuch der christlichen NESSL-Schule im libanesischen Zahlé. Vizepräsident Johann Weusmann (li.) und Präses Manfred Rekowski beim Besuch der christlichen NESSL-Schule im libanesischen Zahlé.

Reise nach Syrien und in den Libanon

Schule leistet Beitrag zum friedlichen Zusammenleben

Die evangelische NESSL-Schule im libanesischen Zahlé unterrichtet Christen und Muslime und will über Bildung einen Beitrag zu einem guten Zusammenleben leisten. Das sei eine Investition in die Zukunft des Landes, sagte Präses Manfred Rekowski bei einem Besuch.

Die NESSL-Schule in Zahlé, in der Bekaa-Eben im Libanon, will mehr als ihren 1200 Schülerinnen und Schülern eine gute Bildung vermitteln: Die christliche Schule will auch in die Zivilgesellschaft hinein wirken. Sie will über die Bildung einen Beitrag zu einem guten Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen leisten und sie will dazu beitragen, dass die jungen muslimischen Absolventinnen und Absolventen einen moderaten, liberalen Islam leben. Ein hoher Anspruch für eine Schule.

 

Doch Najla Kassab, die libanesische Pfarrerin der NESSL („National Evangelical Synod of Syria and Lebanon“ - den evangelischen Kirchen in Syrien und dem Libanon) ist überzeugt: „Ohne diese Schule würden sich wahrscheinlich einige unserer Schülerinnen und Schüler radikalisieren.“

 

Die erste Schule, in der auch Mädchen unterrichtet wurden

 

Die weiterführende Schule mit einem kleineren Kindergarten – sie wurde in den 1860er-Jahren gegründet – war die erste im osmanische Reich, in der auch Mädchen unterrichtet wurden, erklärt sie nicht ohne Stolz. Der Einsatz für mehr Gleichberechtigung ist eines der Anliegen, für die sie sich kraftvoll einsetzt. Dass das auch für die eigene Kirche noch nicht ganz selbstverständlich ist, hat sie selbst erfahren. Sie wurde im März 2017 als erste Pfarrerin ihrer Kirche überhaupt ordiniert.

 

„Uns ist in dieser Schule wichtig“, erklärt sie den Gästen aus Deutschland, „dass wir unseren Schülerinnen und Schüler etwas für ihr Leben mitgeben, nämlich Werte; dass sie lernen, jeden einzelnen Menschen mit all seinen Fähigkeiten und Merkmalen zu respektieren.“

 

Die Gäste aus Deutschland – das sind Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sowie Johann Weusmann, Vizepräsident, Stefan Drubel, Kirchenrat, und Anja Vollendorf, Kirchenrätin. Sie haben sich im Libanon vor allem ein Bild davon gemacht, wie die 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge im Zedernland leben. Und sie haben sich in Syrien darüber informiert, ob die Sicherheitslage es in absehbarer Zukunft zulässt, dass syrische Flüchtlinge in Deutschland zurückkehren könnten.

 

60 Prozent muslimische, 40 Prozent christliche Schülerinnen und Schüler

 

Was ihnen sofort ausfällt: Es sind nicht nur Christinnen und Christen, die die Schule besuchen. „Das Verhältnis ist in etwa ausgeglichen“, erläutert Joseph Kassab, Najlas Ehemann und Generalsekretär der NESSL. Es seien in etwa 60 Prozent Muslime und Muslimas und 40 Prozent Christinnen und Christen. Die NESSL unterhält sieben Schulen im Libanon und eine in Syrien, außerdem vier Flüchtlingsschulen für syrische Kinder. Bildung, sagt die Pfarrerin, „ist das Öl des Libanon“. Es sei der protestantische Beitrag in dem Land, das eine grüne Zeder im Wappen trägt.

 

Die Einrichtung, die vom Schulausschuss dieser Kirche unterhalten wird, finanziert sich vor allem über die Schulgebühr. Sie erscheint, verglichen mit den Lebensbedingungen im Land, als vergleichsweise hoch und beträgt umgerechnet 3000 bis 4500 Dollar pro Jahr, ohne die Kosten für Schuluniform und Bücher. Für Geschwisterkinder gebe es einen Rabatt. Dennoch reiche das Geld nicht, rechnet der Pfarrer Joseph Kassab vor. Der Staat habe die Lehrergehälter von 700 Dollar Startgehalt auf 1000 erhöht. Eine der Folgen der prekären Finanzlage: Der Bau eines weiteren Schulgebäudes musste erst einmal halbfertig ausgesetzt werden.

 

Eltern wünschen sich moderaten Islam für ihre Kinder

 

Ob der Religionsunterricht verpflichtend sei, wollen die Gäste wissen. „Ja“, antwortet Najla Kassab, die bei der NESSL die Bildungsabteilung leitete. Religionsunterricht gebe es aber nur in den unteren Klassen, in den höheren sei es Ethik-Unterricht aus christlicher Perspektive. „Wir machen das, ohne jemanden zu provozieren, ohne Gefühle zu verletzen“. Und sie redeten in der Schule über einen eher offenen Islam. „Dass muslimische Eltern ihre Kinder zu uns schicken, ist auch Ausdruck dafür, dass sie sich einen moderaten Islam für ihre Kinder wünschen.“

 

Im Libanon lebten Christinnen und Christen, Muslimas und Muslime nachbarschaftlich und friedlich zusammen, sagen Najla und Joseph Kassab. Und sie gehen davon aus, dass es die Zivilgesellschaft und das friedliche Nebeneinander von Christentum und Islam stärke, wenn junge Menschen unterschiedlicher Religionen gemeinsam aufwachsen. Präses Manfred Rekowski nennt es anerkennend „eine Investition in die Zukunft des Landes“.

 

In verschiedenen Programmen lernen die Kinder fürs Leben

 

In der libanesischen Gesellschaft, so Joseph Kassab, genieße die Schule hohes Ansehen. „Zum Abschluss eines Umweltschutz-Programms, das in Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium entstand, sprach auch der Umweltminister.“ In dem Projekt hätten die Mädchen und Jungen die Umweltbelastung eines nahe gelegenen Flusses studiert und überlegt, wie Plastik-Müll vermieden werden kann.

 

Auf ein anderes Programm sind sie ebenfalls stolz: Das „Leading-In-Me-Program“. Es sei angelehnt an die „sieben Wege“ zur Effektivität von Steve Corby, einem Motivationscoach. Es gehe darum zu lernen, „wie die Mädchen und Jungen ihre Prioritäten für ihr Leben, für die Bildung ihres Charakters setzen“.

 

Und dann erzählt Najla Kassab noch von einer muslimischen Schülerin, etwa 11, 12 Jahre alt. Ihr Vater habe sie von der NESSL-Schule genommen auf eine staatliche geschickt. Aber das Mädchen habe unbedingt zurück gewollt. Nach einigen Überlegungen habe die Schule auch eine Möglichkeit dafür gefunden. Gefragt, warum sie so gern zurück wollte, habe sie geantwortet: „Wenn ich hierher komme, verheiraten mich meine Eltern nicht.“ Allein für dieses Mädchen, sagt Najla Kassab sichtlich bewegt, „lohnt es sich, die Schule zu unterhalten“.

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ekir.de / Angelika Wölk, Foto: Marcel Kuß / 03.09.2019



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