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Gemischte Besetzung (v. l.): Pfarrerin Anke Augustin, Pfarrer Wolfgang Haberla, Gemeindereferentin Sabine Lethen und Pfarrer Rolf Brandt beraten über den Bau eines ökumenischen Gemeindezentrums in Essen. Gemischte Besetzung (v. l.): Pfarrerin Anke Augustin, Pfarrer Wolfgang Haberla, Gemeindereferentin Sabine Lethen und Pfarrer Rolf Brandt beraten über den Bau eines ökumenischen Gemeindezentrums in Essen.

Gemeinsame Nutzung von Kirchen und Gemeindezentren

Gelebte Alltagsökumene mit großem Entwicklungspotenzial

Not schweißt zusammen? Keineswegs! „Wir machen keine Notfallökumene, sondern wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt Pfarrer Klaus Schilling in Mettmann. Pfarrerin Anke Augustin in Essen erklärt: „Was wir planen, soll ausstrahlen.“ Die Rede ist von ökumenisch gemeinsam genutzten Räumen - seien es Gemeindezentren, seien es Kirchen.

Projekte eben, die Zeichen setzen sollen, die ausstrahlen. Pfarrerin Augustin betont: „Wir müssen fragen: Was lädt Leute ein, die wir verloren haben, die der Kirche vielleicht nichts mehr zutrauen?“ Sabine Lethen, die katholische Gemeindereferentin in Essen, setzt nach: „Es ist wichtig, für den Stadtteil zu wirken. Angebote für ältere Menschen sind gefragt, ebenso Treffpunkte für Eltern mit Kindern.“

Zusammen mit dem katholischen Pfarrer Wolfgang Haberla und seinem evangelischen Kollegen Rolf Brandt sitzen sie am Konferenztisch des katholischen Pfarrbüros. Figuren der Propheten Hanna und Simeon schauen von der Wand auf ihre Pläne. Die vier beraten ein Projekt, das in den Kirchen noch selten ist: Die Evangelische Kirchengemeinde Dellwig-Frintrop-Gerschede im Essener Norden und die katholische Paulusgemeinde, ein Teil der Großpfarrei St Josef, planen, gemeinsam ein Gemeindezentrum zu bauen.

Miteinander statt nebeneinander

Die Alternative hätte in zwei Bauten mit jeweils bescheidenen Mitteln bestanden, „keine zweihundert Meter voneinander entfernt“, sagt Haberla. Beide, die katholische Pfarrei und die evangelische Gemeinde, mussten sparen und Gebäude aufgeben. Und beide wussten voneinander. „Aus dem fröhlichen Nebeneinander war da längst ein Miteinander geworden“, sagt Rolf Brandt.

Eine Steuerungsgruppe bringt das Projekt voran. In zwei Jahren soll es so weit sein, dann zieht der Kindergarten aus dem jetzigen katholischen Zentrum aus und das gemeinsame Haus entsteht. „Uns ist wichtig, dass bei allen Schritten Augenhöhe herrscht“, sagt Augustin, die Vorsitzende des Presbyteriums. Nun müssen sich Juristen damit beschäftigen, wie beide Partner gleichberechtigt und zu gleichen Teilen an dem neuen Zentrum beteiligt sind.

Historische Simultankirchen

Zum Themenfeld gemeinsam genutzte Räume gehören auch die Simultankirchen, historische Besonderheiten. Der Dom im mittelhessischen Wetzlar ist eine der ältesten der 64 Simultankirchen in Deutschland mit einer evangelischen und einer katholischen Gemeinde. In Wetzlar einigten sich 1978 beide Gemeinden, dass ihnen der Dom zu gleichen Teilen gehört. Da stand die Kirche bereits seit hunderten von Jahren.

Die andere große rheinische Simultankirche, der Altenberger Dom im Bergischen Land, gehört dem Land Nordrhein-Westfalen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die damalige Ruine wieder aufgebaut. Kaiser Friedrich Wilhelm IV. finanzierte den Löwenanteil und bestimmte, dass beide Konfessionen dort Gottesdienst feiern.

Die Tangabucht ist nur eine Zwischenlösung

Die Gemeinden im Essener Norden müssen sich konzentrieren. Sie haben mehr Häuser, als sie auf die Dauer finanzieren können. Schon 2017 gab die evangelische Gemeinde ihr Zentrum mit Kirchsaal in der Samoastraße auf und zog ins katholische Zentrum an der Tangabucht. Die Namen erinnern an die Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts. Die Straßen, in denen die Stahlwerker des expandierenden Krupp-Konzerns ein Zuhause fanden, wurden nach den verlorenen deutschen Kolonien in Afrika benannt.

Aber die Tangabucht ist eine Zwischenlösung. Im Zuge des Pfarrentwicklungsprozesses im Bistum Essen wird auch sie aufgegeben. Dafür wird das katholische Zentrum an der Askaristraße nun ein gemeinsames Haus, ab 2020, wenn der Vertrag mit einem Kindergarten ausläuft. Gottesdienst wird aber nicht dort, sondern in den jeweiligen Kirchen gefeiert, das vereinfacht die Sache. Doch wegen des gemeinsamen Betriebs sind die Gemeinden im Essener Norden Pioniere.

Erste katholische Nutzung einer evangelischen Kirche

Weiter östlich, in Essen-Vogelheim, hat die katholische Gemeinde ihre Kirche St. Thomas Morus aufgegeben. Seit vergangenem Herbst feiert sie Gottesdienst im evangelischen Markushaus. Ruhrbischof und Superintendentin waren beim Auszug aus der katholischen Kirche und beim Einzug in das Markushaus dabei.

Wie die Ökumene in Vogelheim aussehen soll, das entwickeln die beiden Gemeinden gerade. Am Aschermittwoch ist ein ökumenischer Gottesdienst geplant, mit Austeilung des Aschekreuzes. Mitunter findet sonntags ein ökumenischer Gottesdienst im Markushaus statt, zeitgleich mit einer Eucharistiefeier in der benachbarten Kirche St. Maria Rosenkranz. Damit geht die katholische Kirche bis an ihre Grenzen. Gottesdienste zur Zeit der Eucharistie sind eigentlich verboten. Sie brauchen eine Sondergenehmigung des Bischofs.

Freude und Dank

Doch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sagt: „Die Aussicht auf unsere ökumenische Zusammenarbeit mit der evangelischen Gemeinde im Markushaus macht mich froh.“ Als im vergangenen Oktober die letzte Messe in St. Thomas Morus gelesen wurde, dankte er der evangelischen Gemeinde, dass die gemeinsame Nutzung des evangelischen Markushauses möglich ist.

Gemeinsames Zentrum: Der evangelische Pfarrer Klaus Schilling (l.) und sein katholischer Kollege Herbert Ullmann am Ambo der katholischen Kirche Heilige Familie in Mettmann-Metzkausen. Gemeinsames Zentrum: Der evangelische Pfarrer Klaus Schilling (l.) und sein katholischer Kollege Herbert Ullmann am Ambo der katholischen Kirche Heilige Familie in Mettmann-Metzkausen.

Schnell zusammengewachsen

Die aktuell bekannteste gemeinsame ökumenische Nutzung in der Evangelischen Kirche im Rheinland ist das Ökumenische Zentrum in Mettmann-Metzkausen, im Speckgürtel der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf. Hier, an der katholischen Kirche „Heilige Familie“ mit ihrer hellgrauen Betonfassade, ging das ökumenische Zusammenwachsen schnell, sagt Pfarrer Klaus Schilling.

Vor drei Jahren hatte er seinen katholischen Kollegen Herbert Ullmann beim Tee gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass die evangelische Gemeinde in die katholische Kirche und ihre Gemeinderäume einziehen könne. „Das hatte ökumenische, theologische und biografische Voraussetzungen“, sagt Ullmann.

Die reichen bis in die Sechzigerjahre zurück. Es gab einen ökumenischen Arbeitskreis und gemeinsame Bibelwochen. Bei mehr als 900 Paaren in den Gemeinden gehören die Partnerinnen und Partner unterschiedlichen Konfessionen an.

Zustimmung und Vorbehalte

Ullmann und Schilling brachten 2016 den katholischen Kirchenvorstand und das evangelische Presbyterium zusammen. Jeder schickte vier Leute in den Vorbereitungsausschuss. Er hat einen Nutzungsvertrag für die Räume erstellt, eine Lebensordnung für die Gemeinden und Vereinbarungen getroffen wie die, dass beide Mediation in Anspruch nehmen, wenn es Streit gibt.

Und er hat eine Gemeindebefragung initiiert. Die ergab große Zustimmung, „aber wir erlebten auf beiden Seiten auch Vorbehalte. Es war wichtig, sie auszuhalten“, sagt Ullmann. „Doch der Grundtenor lautete: Endlich passiert etwas. Wir stimmen in 95 Prozent aller Dinge überein.“

Den Kirchort erhalten

2017 folgte ein ökumenisches Stadtkirchenfest. An Sonntagabenden feiern beide Gemeinden schon seit 1981 gemeinsame Vespern. Nach Ostern ist ein gemeinsamer Pilgerweg geplant, am Sonntag Trinitatis wieder ein gemeinsames Gemeindefest.

Und es gibt Informationsabende, zum Beispiel über das Verständnis des Gottesdienstes in der Kirche, die beide nun gemeinsam nutzen. „Es geht darum, den Kirchort zu erhalten“ sagt Ullmann. Schilling fügt hinzu, dass aber nicht nur Sparzwänge die Kirchen zusammengeführt haben: „Wir machen keine Notfallökumene, sondern wir wollen ein Zeichen setzen.“

Erinnerung an die Taufe

Wenige hundert Meter steht die 1961 gebaute evangelische Kirche am Hügel, ein Klinkerbau mit einem schlanken Turm, jetzt leer. Die Gemeinde sucht eine neue Nutzung. Am ersten Advent 2018, zum Beginn des neuen Kirchenjahres, ist sie in einer Prozession aus der Kirche ausgezogen und hinübergegangen zur katholischen Kirche.

Sie hat Prinzipalstücke mitgenommen, das Abendmahlsgeschirr, die Taufschale, die Altarbibel und das Kreuz. Sie liegen in der Sakristei. Das Kreuz wird demnächst in der Kirche aufgehängt. Das Taufbecken kommt noch nach. Es wird zum Weihwasserbecken umgewandelt. „Das ist angemessen“, sagt Schilling. „Denn Weihwasser dient der Tauferinnerung.“ Und die Taufe verbindet katholische und evangelische Christinnen und Christen definitiv.

Neue Perspektiven

Auf der Landessynode im Januar in Bad Neuenahr hat Präses Manfred Rekowski die ökumenischen Projekte hervorgehoben, darunter das in Metzkausen: „Die ökumenische Nutzung von Gebäuden“, sagte er,  „eröffnet neue Perspektiven. Hier geht es um mehr als nur um eine intelligente Nutzung von Immobilien", so der Präses. "Hier geschieht gelebte Alltagsökumene mit großem Entwicklungspotenzial.“

Der Beispiele gibt es mehr: Bereits vor 25 Jahren hat die Evangelische Kirchengemeinde Krefeld-Nord zusammen mit der katholischen Schwestergemeinde ein Gemeindehaus kostenteilig gebaut, das Gemeinsame Haus in Krefeld-Elfrath. Seitdem wird dieses Gemeindehaus gemeinsam „betrieben“, die laufenden Kosten werden geteilt, die Räumlichkeiten von beiden Gemeinden genutzt, berichtet Pfarrer Christoph Tebbe.

Weitere Beispiele

Nun gibt es eine neue Initiative: Seit 2015 beschäftigt sich die Gemeinde mit dem Plan, das eigene Kirchengebäude Lukaskirche mit Gemeinderäumen im Stadtteil Gartenstadt aufzugeben und in die Gebäude der katholischen Schwestergemeinde „einzuziehen“, das heißt sie mit zu nutzen: die Kirche St. Pius X. und das Pfarrheim Oscar-Romero-Haus in Gartenstadt. Zur Zeit laufen die Verhandlungen über den Nutzungsvertrag.

Kirchenkreis Aachen: Es gibt seit einigen Jahren ein „Ökumenisches Gemeindezentrum Frankental“ in der Evangelischen Kirchengemeinde Stolberg. Die Evangelische Kirchengemeinde Eschweiler im Kirchenkreis Jülich hat eine ihrer Kirchen aufgegeben und feiert vor Ort in der katholischen Kirche St. Barbara Gottesdienst. Büffeln und Beten: In Wuppertal arbeiten die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) und die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) seit einem Jahr unter einem Dach.

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ekir.de / Wolfgang Thielmann; neu / 21.02.2019



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