EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Die beiden Freundinnen Mona (links) und Nour haben im JCC, dem Joint Christian Commitee, lesen und schreiben gelernt. Für sie war das der Eintritt in eine neue Welt. Die beiden Freundinnen Mona (links) und Nour haben im JCC, dem Joint Christian Committee, lesen und schreiben gelernt. Für sie war das der Eintritt in eine neue Welt.

Besuch in Syrien und dem Libanon

Flüchtlingsschicksal soll sich nicht wiederholen

In den Stadteilen Sabra und Shatila in Beirut im Libanon leben seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge. Die Zustände dort sind unvorstellbar elend. Mittendrin gibt es jedoch einen Ort der Hoffnung: das Joint Christian Committee. Dort lernen zum Beispiel Mädchen und Frauen lesen und schreiben.

Sie nennen es die „Mutter der Armut“. Und die Mutter der Armut wohnt im Westen von Beirut im Libanon, in dem palästinensischen Flüchtlingslager Sabra. Es ist eines der beiden in der ganzen Welt bekannten Flüchtlingslager. Das zweite heißt Shatila, beide gehen ineinander über und sind eigentlich eher Stadtteile als „Lager“. Die Quartiere  haben traurige Berühmtheit durch das Massaker von 1982 erhalten, bei dem Milizen unter den Augen der israelischen Armee ein Massaker an Zivilisten anrichteten.

Ein Labyrinth des Elends

Die Zustände in Sabra und Shatila sind unvorstellbar elend. Mehrgeschossige Häuserblocks, längst marode gewordene, baufällige Häuser, Betontreppen liegen frei, Wasser tropft von Wänden, ein Labyrinth aus engen Gassen, durch die kaum Luft zirkulieren kann. Über allen Gassen hängt ein dichtes Netz aus Strom- und Telefonkabeln, undichte Wasserleitungen dazwischen, Abwasser fließt hier und da frei aus einem Schlauch auf die Straße und verschwindet in einem Abfluss. Motorräder zwängen sich durch die engen, schlammigen Straßenschluchten. Beißender Gestank, obwohl einmal am Tag die Müllabfuhr kommt. Ein Labyrinth des Elends.

Und mitten in dieser Enge, der Armut, der Trostlosigkeit, ragt ein Haus heraus wie eine kleine Oase, ein Ort der Hoffnung: Das Zentrum der JCC, das Joint Christian Committee. Zu dem Zentrum gehören ein Kindergarten und eine Förderschule, in der die palästinensischen Jugendlichen Ausbildungskurse machen können, etwa als Friseurin. Andere können Computer- und Elektronikkurse belegen.

Lesen und Schreiben lernen: Eintritt in eine neue Welt

In einem weiteren Klassenraum lernen Mädchen und Frauen, Analphabetinnen, Lesen und Schreiben. Für sie ist dieser Kurs der Eintritt in eine neue Welt. Und manchmal auch ein neues Leben. Wie für Nour, ein 15-jähriges Mädchen. Sie kam vor drei Jahren in das JCC. Damals besuchte auch ihre Mutter einen Schreibkurs, erzählt Wafa Iassa, Beraterin des JCC. „Die Mutter wollte Nour verheiraten.“

Zwangsverheiratungen gehörten für viele Familien zur Tradition – und die Familie erhält Geld vom Bräutigam. Aber Nour wollte nicht verheiratet werden. Als die anderen Frauen im Kurs davon hörten, redeten sie auf Nours Mutter ein, und Nour kämpfte zu Hause mutig für ihre Freiheit. Im JCC, sagt die Beraterin, werden die Mädchen und Frauen auch psychologisch gestärkt, ermutigt, ihre Rechte wahrzunehmen. Am Ende fand die Hochzeit nicht statt und seither besucht Nour die Schule weiter. „Sie lernt unglaublich schnell“, freut sich die Lehrerin. „Sie hat eine wunderschöne Handschrift.“

Etwas schüchtern, aber mit Stolz sagt das tapfere Mädchen: Seit damals, seit sie sich gegen ihre Eltern durchgesetzt hat, „habe ich nicht mehr so viel Angst wie früher“. Die Schule hat ihr die Chance eröffnet, ein Leben in Würde zu führen.

Ihre Freundin, Mona, 18, hat Nours Geschichte damals gehört. „Das, was sie gemacht hat“, erinnert sie sich, „hat mich auch verändert, innerlich und äußerlich.“ Nours Einsatz habe sie ermutigt, sich auch für ihre Rechte einzusetzen. Und: „Sie achtet jetzt auf sich“, freut sich die Lehrerin, habe abgenommen und sei selbstbewusst geworden. „Früher“, sagt Mona, „haben mir alle helfen müssen. Aber heute, seit ich lesen und schreiben kann, bitten mich andere um Hilfe.“

Kirchendelegation macht sich ein Bild

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, hört sehr aufmerksam zu. Er ist auf seiner Reise nach Syrien und in den Libanon, bei der er von Vizepräsident Johann Weusmann, Kirchenrat Stefan Drubel und Kirchenrätin Anja Vollendorf begleitet wird, ganz bewusst auch nach Sabra und Shatila gekommen. Die Gäste aus dem fernen Rheinland möchten sich ein Bild davon machen, wie die Menschen im Bürgerkriegsland  Syrien leben und davon, wie die syrischen Flüchtlinge im benachbarten Libanon aufgenommen werden.

Und die Delegation geht auch den Sorgen der Menschen im Libanon nach: Der Libanon versucht zu verhindern, dass sich die Situation der palästinensischen Flüchtlinge, die seit 1948 im Land sind, und nun in der dritten und vierten Generation dort leben, für die syrischen Flüchtlinge ebenso verfestigt. „Wir wollten uns anschauen, welche Folgen es hat, wenn sich ungelöste Flüchtlingsfragen verstetigen“, erläutert Manfred Rekowski zum Hintergrund der Reise. „Es hat mich tief bewegt, unter welchen Lebensverhältnissen die Menschen hier zurechtkommen müssen, die engen Gassen, die maroden Häuser, man muss das alles sehen, spüren, riechen. Es ist nicht menschenwürdig.“

Er habe auf der Reise aber auch eine Ahnung davon bekommen, welche Befürchtungen die Bevölkerung bewegt, wenn rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge in ein Land mit einer Einwohnerzahl von vier Millionen Menschen kommen. Würde dieses Flüchtlingsproblem auch ungelöst bleiben, „würden sich die Verhältnisse von Sabra und Shatila wiederholen.“

Nour, das Mädchen aus Sabra, kann die Zusammenhänge noch nicht erkennen. Aber sie hat erkannt, dass sie ihr Leben mit Willenskraft wenigstens ein klein wenig verändern kann. Ein winziger Hoffnungsschimmer in all der Hoffnungslosigkeit.

 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Angelika Wölk, Foto: Marcel Kuß / 28.08.2019



© 2019, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.