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Besuch von den Partnerinnen und Partnern in Kirchen im Jahr 2016. Gruppenbild mit Pfarrer Eckhard Dierig (vorne rechts). Besuch von den Partnerinnen und Partnern in Kirchen im Jahr 2016. Gruppenbild mit Pfarrer Eckhard Dierig (vorne rechts).

30 Jahre Mauerfall

Freundschaft bleibt

Zu DDR-Zeiten waren kirchliche Partnerschaften über die innerdeutsche Grenze hinweg gang und gäbe. Doch die meisten endeten nach dem Mauerfall am 9. November 1989. Eine der wenigen, die gehalten hat, ist die Partnerschaft zwischen Gemeinden in den Kirchenkreisen Altenkirchen und Oberes Havelland.

 

„Es ist nicht so einfach, die Partnerschaft am Leben zu halten“, sagt Eckhard Dierig. Aber es geht.  Dierig ist Pfarrer in Kirchen an der Sieg und war Superintendent seines Kirchenkreises Altenkirchen im Westerwald. Als Ende Oktober die Orgel seiner Kirche nach langer Renovierung wieder erklang, kamen fünf Delegierte aus Grüneberg und Teschendorf im Löwenberger Land nördlich von Berlin, aus dem Kirchenkreis Oberes Havelland. Dierig hatte als junger Pfarrer eine Partnerschaft zwischen Gemeinden in Altenkirchen und dem Oberen Havelland übernommen und ausgebaut. Nach wie vor besuchen die Gemeinden einander. Mehr als vierzig Jahre ist die Freundschaft gewachsen. Und sie hat gehalten.

 

Die Partnerschaft stammt aus einer fernen Zeit, aus einem früheren Abschnitt der deutschen Geschichte. Er ging vor 30 Jahren zu Ende, als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin fiel. In den Anfängen der Partnerschaft lagen die brandenburgischen Kirchengemeinden hinter Stacheldraht. Die DDR zäunte ab den späten Fünfzigerjahren ihr Land ein, mit Todesstreifen und dem Befehl an die Wachsoldaten, auf alle zu schießen, die die Grenze in Richtung Westen überwinden wollten.

 

Die Regierung reglementierte das Leben und kämpfte gegen Christen

 

In den Jahren zuvor hatte es einen Massenexodus aus der DDR gegeben, denn deren Regierung verwehrte den Menschen die freie Entfaltung, reglementierte das Leben und kämpfte gegen Kirchen und Christen. Das Ost-Berliner Regime behandelte Westdeutschland als feindliches Ausland, weil beide gegensätzlichen Machtblöcken angehörten, und auch, weil der Westen sich weit schneller und erfolgreicher von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs erholte.

 

Unter vielen Menschen herrschte ohnmächtige Wut über ihr Schicksal und den Mangel, der ihr Leben beschwerte. Sie waren von Freunden im Westen abgeschnitten. Erst allmählich erlaubte die DDR Besuche zu besonderen Gelegenheiten, aber nie für eine ganze Familie. Christinnen und Christen hatten besonders zu leiden: Vielen von ihnen wurde das Abitur oder das Studium verweigert. Nur widerwillig stellte die DDR Material und Arbeitskräfte für den Wiederaufbau von Kirchen und Pfarrhäusern zur Verfügung. Sie weigerte sich, weiter Kirchensteuer einzuziehen.

 

Man durfte die Mitchristen im Osten nicht allein lassen

 

Die Kirchen in Ost und West beschlossen, an ihrer „besonderen Gemeinschaft“ festzuhalten, die die DDR eisern ablehnte. Systematisch wurden Partnerschaften organisiert, von Kirche zu Kirche und Gemeinde zu Gemeinde. Die Evangelische Kirche im Rheinland kümmerte sich um den Ostteil der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, die Kirchenkreise und Gemeinden bekamen Partner auf ihrer Ebene. So kam der Kirchenkreis Altenkirchen an das Obere Havelland und die Gemeinde Kirchen an Grüneberg und Teschendorf. Regelmäßig gingen Pakete nach drüben.

 

Eckard Dierig erinnert sich noch an die Beklemmung, mit der die ersten Gruppen über die Grenze fuhren, mit Kofferräumen voll Kaffee, Orangen, Bananen und Lebensmitteln, die es in der DDR nie gab. An das stundenlange Warten und die erniedrigenden, peniblen Kontrollen an der Grenze, mit Hunden und mit Spiegeln, die unter die Autos gefahren wurden, an das strikte Verbot, Gedrucktes mitzubringen, an den Aufenthalt dort, die Zwangsanmeldung der Gäste bei der Polizei und die ständige Vorsicht in den Gesprächen, weil niemand wusste, ob ein Stasi-Spitzel zuhörte. An die mit Händen zu greifende Unfreiheit. An das empörende Wissen, dass man sich nie gemeinsam im Westen würde treffen dürfen. „Irgendwann stehe ich vor Eurer Tür“ – das hat einer mal zu Dierig gesagt. „Aber wir haben nicht geglaubt, dass wir das je erleben.“  Und die hochnotpeinliche Rechenschaft über jeden ausgegebenen Pfennig bei der Ausreise.

 

Es gab allen Grund, zu helfen und die Freundschaft zu pflegen

 

Aber das Erleben hat sie zusammengeschweißt, erinnert er sich, „und da entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen“. Zum Beispiel mit seinem Kollegen Gerhard Gabriel, der mittlerweile im Ruhestand ist, aber der jetzt wieder nach Kirchen kam. „Mackie und Ecki“ hieß das Pfarrerduo in beiden Gemeinden. Es gab allen Grund, zu helfen und die Freundschaft zu pflegen.

 

Bis 1989. Viele Partnerschaften gingen mit dem Mauerfall zu Ende. Manche hatten keine Basis mehr, etwa weil Paket-Aktionen ihren Sinn verloren. Andere wurden neu belebt, zum Beispiel weil die persönlichen Beziehungen so stark waren, dass Gemeinden und Kirchenkreise im Austausch blieben und einander besuchten.

 

So wie im Kirchenkreis Altenkirchen. Die Freundschaft hat die Zusammenlegung des ursprünglichen Partnerkirchenkreises mit seinen Nachbarregionen und damit die Übertragung auf neue Partner überlebt. Und bis heute fließt Geld in den brandenburgischen Kirchenkreis, eine touristisch attraktive Region, die Heimat der Bundeskanzlerin und bekannt etwa durch Schloss Meseberg, das Gästehaus der Bundesregierung.

 

20.000 Euro pro Jahr für die Partner im Osten

 

Alle vier Jahre gibt die Kreissynode Altenkirchen 20.000 Euro pro Jahr für die Partner im Osten frei – eine hoch willkommene und dringend benötigte Unterstützung. Lange diente sie der Instandhaltung von Kirchen. Inzwischen werden mit dem Geld Arbeitsstellen im großen, aber mitgliederarmen Ost-Kirchenkreis gesichert. Ein weiterer Partner im Westen, der Kirchenkreis Birkenfeld, musste seine Unterstützung einstellen, da es bei ihm selber finanziell enger wurde.

 

Altenkirchen belebte die Partnerschaft nach dem Mauerfall neu, zuerst mit einem Kanzeltausch im Sommer 1990 für gleich zwei Wochen. Dadurch konnten sich die Beteiligten besser kennen lernen. Und auf beiden Seiten trafen sich Kantoreien, Posaunenchöre und Jugendkreise zu Kooperationsprojekten und Pfarrerinnen und Pfarrer zu gemeinsamen Konventen.  Und jeder brachte seine weiteren Partnerschaften mit, die Brandenburger eine ins siebenbergische Codlea, das frühere Zeiden, und Altenkirchen eine zum Kirchenkreis Muku im Kongo.

 

Neues Fundament für die Partnerschaft

 

Eine besondere Partnerschaftsaktion zwischen Altenkirchen und Templin-Gransee hat sich erst nach dem Mauerfall entwickeln können: im Rahmen eines „Jugendprojektes“ entstand ein gemeinsames Filmteam, das über mehrere Jahre unter Federführung der Jugendleiter der beiden Kirchenkreise erfolgreiche Videos produzierte.

 

Etwa eins über das NS-Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Sowohl im Dritten Reich wie auch während der Sowjet-Besetzungszeit wurden hier unfassbare Gräueltaten an Menschen verübt. Für die einfühlsame Aufarbeitung dieser schwierigen Geschichte in jugendgerechten Formaten erhielten die Jugendlichen mehrere Auszeichnungen.

 

„Natürlich bekam die Partnerschaft durch den Mauerfall einen Dämpfer“, sagt Dierig. „Wir mussten sie auf ein neues Fundament stellen. Und es ist heute schwieriger als in den Notzeiten. Aber wir lassen uns etwas einfallen.“

 

Woanders haben Partnerschaften nicht gehalten

 

Die Partnerschaft im südöstlichen Essener Stadtteil Bergerhausen zu Gemeinden in uckermärkischen Dörfern ist nach dem Ende der DDR abgeflaut. „Ich war schon im Dorf Criewen, sagt die heutige Pfarrerin Heidrun Viehweg, und es habe Versuche gegeben, die Partnerschaft neu zu beleben. „Aber dann ist es doch nicht dazu gekommen.“

 

Helga und Hermann Heu haben dafür gesorgt, dass sie nicht vergessen wird. Auf mehr als 500 A-4-Seiten haben sie Erinnerungen und Dokumente zusammengestellt und vor zehn Jahren in der Buchreihe „Kirche im Revier“ herausgegeben. Hermann Heu ist vor zehn Jahren gestorben.

 

Das Buch der beiden berichtet von den Versuchen, den Pfarrern in den östlichen Dörfern beim Herrichten ihrer oft kaum bewohnbaren Pfarrhäuser zu helfen. Von Treffen der Superintendenten, der Pfarrer und von Mitgliedern beider Kirchen in Ost-Berlin. Dorthin konnten mit einem jeweils für einen Tag gültigen Passierschein auch Westdeutsche gelangen.

 

Predigten sollten zur Genehmigung eingereicht werden

 

Helga und Hermann heu haben festgehalten, dass die Behörden verlangten, Predigten von westdeutschen Besuchern wochenlang vorher schriftlich zur Genehmigung einzureichen. Deshalb kamen die ostdeutschen Gastgeber auf die Idee, Predigten aus dem Westen als Grußworte zu deklarieren, denn die waren ohne Einreichung erlaubt. Im Sommer 1989 war eine gemeinsame Freizeit im tschechischen Frymburk (Friedberg) am Moldaustausee im heutigen Tschechien möglich.

 

Im Dezember 1989, wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, schrieb der Angermünder Superintendent Rudolf Zörner seinem Kollegen im Westen, dass seine Pfarrer einer Einladung zum Partnerkonvent nach Essen folgen würden. Und am ersten Weihnachtstag bemerkte Helga Heu unter den Gottesdienstbesuchern einen Freund aus der gemeinsamen Freizeit, der sich spontan auf den Weg nach Essen gemacht hatte.

 

Gruppen aus dem Westen halfen beim Renovieren

 

Doch in den Dörfern der Uckermark blieb in den folgenden Monaten nichts mehr, wie es war. Menschen, die die Partnerschaft mitgetragen hatten, suchten ihr Glück im Westen, andere waren noch in den letzten Monaten der DDR über Nachbarstaaten in den Westen geflüchtet. Und die geblieben waren, mussten ihr Leben neu organisieren. Gruppen aus dem Westen reisten in die Dörfer, um beim Renovieren von Häusern zu helfen.

 

Risse zeigten sich im Herbst, als Gäste aus den Dörfern zum Gemeindefest nach Essen kamen, aber nur noch von wenigen begrüßt und begleitet wurden. Manche der Engagierten waren alt geworden, schrieb Helga Heu, „und die noch Aktiven hatten Mühe, das Interesse in der Gemeinde an der Partnerschaft wachzuhalten. In der Gemeinde war eine Art Ermüdung eingetreten, was die Partnerschaft anbelangte.“ Im Mai 1991 löste sich der Essener Partnerschaftsausschuss auf. Man hatte sich über die Fortsetzung der Partnerschaft nicht mehr einigen können.

 

Doch Freundschaften blieben, schrieb Helga Heu, noch bevor ihr Mann starb. „Und uns beiden ist die Uckermark längst zur Wahlheimat geworden.“ Heute fügt sie hinzu: „Ich habe immer noch freundschaftliche Verbindungen dorthin.“

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ekir.de / Wolfgang Thielmann, Foto: privat / 07.11.2019



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