EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Viele Ausstellungsstücke wie die aufwendig genähte weiße Haube erzählen vom Leben der Diakonissen. Viele Ausstellungsstücke wie die aufwendig genähte weiße Haube erzählen vom Leben der Diakonissen.

Pflegemuseum

Die Geschichte der Pflege entdecken

Früher haben es auch die Männer gemacht: das Pflegen von Kranken. Erst durch die Entwicklung der konfessionellen Schwesternschaften im 19. Jahrhundert bekamen Frauen in der Pflege die Oberhand. Was war davor? Wie ging es weiter? Das Pflegemuseum in Düsseldorf-Kaiserswerth richtet den Blick auf die Geschichte der Pflege.

Die Treppe im Haus Tabea. Die Treppe im Haus Tabea.

Eine breite Steintreppe im „Haus Tabea“ auf dem Diakoniegelände in Kaiserswerth führt in den ersten Stock. Auf den rot-orange gestrichenen Stufen stimmen Wörter die Besucherinnen und Besucher auf das Thema ein: „retten“, „unterstützen“, „beistehen“ steht beispielsweise auf der linken Treppenseite oder „hoffen“, „gedulden“, „bitten“ auf der rechten. Die einen sind aus der Sicht des Pflegenden geschrieben, die anderen aus der Sicht des Kranken.

Wo wurde gepflegt? Wer wird gepflegt? Warum pflegen wir?  Wer pflegt überhaupt und wer zahlt die Pflege? All dies sind nur einige der Fragen, die hier im Museum im 1. Stock des stilvollen Gebäudes gestellt und Raum für Raum beantwortet werden. Dabei erfahren die Besucherinnen und Besucher viel Interessantes.

Früher mussten sich Kranke oft ein Bett teilen

Ein Bild vom mittelalterlichen „Hotel de Dieu“ in Paris macht deutlich, dass sich zu dieser Zeit häufig Kranke und Arme ein Bett in einem Hospital teilen mussten – mit entsprechend hoher Ansteckungsgefahr. Denn damals waren die Hospitäler eher Auffangstationen für Bedürftige aller Art, insbesondere die städtischen, die ab dem 13. Jahrhundert entstanden.

Die Atmosphäre vom früheren Krankenhaus ist noch spürbar. Die Atmosphäre vom früheren Krankenhaus ist noch spürbar.

Erst später, im ausgehenden 18. Jahrhundert, entwickelte sich unter dem Einfluss der Aufklärung das Krankenhaus im heutigen Sinn. Von da an sollten dort nicht mehr nur die unheilbar Kranken gepflegt werden, sondern die vorübergehende Behandlung einer Krankheit wurde das Ziel.

Das vor sieben Jahren gegründete Pflegemuseum in Kaiserswerth befindet sich in einem ehemaligen Diakonissenkrankenhaus – es ist also quasi selbst Ausstellungsstück und lässt die Atmosphäre im früheren Krankenhaus noch ein bisschen erspüren.

1903 wurde dieses „Haus Tabea“ eröffnet: ein Krankenhaus, in dem die Diakonissen selbst genesen konnten, sollten sie krank werden. Bis heute besteht eine räumliche Verbindung des Hauses zur nebenan gelegenen Mutterhauskirche – denn Aufgabe der  Diakonissen war nicht nur die körperliche, sondern auch die geistliche Pflege.

Früher war auf der anderen Seite der Kirche ebenfalls ein Hospital: das öffentliche Fronbergkrankenhaus. Die imposante Front all dieser Gebäude ist auf einem Foto im Ausstellungsraum zu sehen. Alles zusammen war Teil des Mutterhauses, einer großen Diakonissenanstalt, die der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner und seine beiden Ehefrauen – erst Friederike, später Caroline – im Laufe des 19. Jahrhundert in Kaiserswerth aufbauten.

Dazu gehörten eine Kleinkinderschule, die auch der Ausbildung von Lehrerinnen diente, eine Psychiatrie für Frauen, ein Waisenhaus, aber eben auch ein Lehrkrankenhaus, in dem die Diakonissen – also die Schwestern – professionell in der Krankenpflege ausgebildet wurden.

Viele Ausstellungsstücke erzählen vom Leben der Diakonissen

Der original Schreibtisch von Theodor Fliedner. Der original Schreibtisch von Theodor Fliedner.

Nach diesem Vorbild wurden viele Mutterhäuser in anderen Städten und Ländern gegründet. Dies und viel mehr über Leben und Wesen der Diakonissen, der Diakonie und der Fliedners erfahren die Besucherinnen und Besucher auf Tafeln, Bildern und durch Ausstellungstücke wie das traditionelle dunkelblaue Kleid und die aufwendig genähte weiße Haube der Diakonissen. Fliedners originaler Schreibtisch mit seinem akkurat angeordneten Schreibmaterial zeichnet das Bild eines Mannes, der gut organisiert war und Ordnung liebte.

Sogar eine echte ägyptische Mumie, die Fliedner selbst von einer seiner vielen Reisen als Material für das Lehrerinnenseminar mitgebracht hat, und andere Souvenirs sind in einem extra Zimmer zu sehen. Seine Reisen hatten ein Ziel: Fliedner wollte die Diakonissen besuchen, die in die Hospitäler in Kairo, Alexandria, Jerusalem und andere Orte des vorderen Orients entsandt waren. Dieser Raum mit den Sammelstücken wird normalerweise nur bei Führungen gezeigt, aber auf Wunsch wird er auch anderen Besucherinnen und Besuchern geöffnet.

Bildung war also ein Thema, das Fliedner am Herzen lag. Er war es, der die Ausbildung in Theorie und Praxis in der Krankenpflege einführte. Auch Florence Nightingale, die wohl berühmteste Krankenschwester der Welt, genoss ihre Ausbildung in Kaiserswerth. Andere Diakonissenanstalten zogen in Sachen Schulung nach. Doch es fehlte eine einheitliche Ausbildung.

Mit der Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert machte auch die Medizin große Wissensfortschritte. Bis dahin bestand das Repertoire eines Arztes aus Aderlass, dem Verordnen von Klistieren und der Verschreibung von Heilkräutern.

Mit den Fortschritten der Medizin wuchs der Bedarf an Pflegepersonal

Am Beispiel des Blutdruckmessens wird in einem Raum gezeigt, wie sich die technische Entwicklung auf die diagnostische und die operative Medizin ausgewirkt hat. Erst 1896 konstruierte der italienische Kinderarzt Riva-Rocci das Messgerät, wie es vom Prinzip her noch heute funktioniert.

Mit dem Ausbau der Medizin wurde auch ein besonders ausgebildetes und trainiertes Pflegepersonal immer wichtiger. War das 19. Jahrhundert geprägt von einer starken Entwicklung der konfessionellen Schwesternschaften, so zogen um die Jahrhundertwende die staatlichen Pflegeorganisationen nach.

Im 20. Jahrhundert bildete sich eine Konkurrenz zwischen den beiden heraus. Wie der Staat beginnt, die Pflegeausbildung einheitlich zu regeln, ist im Museum zu erfahren. Auch über jüdische Krankenpflege, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, den Zivildienst in der Bundesrepublik, die Rückkehr der Männer in den Beruf und den Mangel an Pflegekräften wird informiert. Lernende und an Pflege Interessierte finden viel fachliches Material – beispielsweise zur Anfertigung von Hausarbeiten.

Das Pflegemuseum Kaiserswerth Haus Tabea, Zeppenheimer Weg 20, 40489 Düsseldorf, gehört zur Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth. Es ist dienstags und mittwochs von 9.30 bis 16.30 Uhr geöffnet sowie nach Vereinbarung. Der Eintritt kostet 5 Euro. Gruppen können Besuchstermine ausmachen. Ebenfalls finden öffentliche Führungen statt, die im Zentrum von Kaiserswerth starten, durch die Geschichte der Diakonie leiten und im Pflegemuseum ihren Abschluss finden. Aktuelle Termine stehen auf der Internetseite des Museums.

 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Alexandra Stoffel, Foto: Rendel Freude, Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth / 17.10.2018



© 2018, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.