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Pfarrerin Sigrid Rother mit Mund-Nasen-Maske bei einer Demonstration in Columbus/Ohio. Pfarrerin Sigrid Rother mit Mund-Nasen-Maske bei einer Demonstration in Columbus/Ohio.

Proteste in den USA

„Viele Weiße denken, dass sich der Rassismus erledigt hat“

Sigrid Rother ist Pfarrerin einer Gemeinde der United Church of Christ (UCC) im US-Bundesstaat Ohio. Im Interview spricht die gebürtige Deutsche über die Proteste nach dem Tod von George Floyd, die Auswirkungen auf das Gemeindeleben und die Unverzichtbarkeit von Hoffnung.

Pfarrerin Sigrid Rother Pfarrerin Sigrid Rother

Seit 2002 arbeitet Sigrid Rother als Pfarrerin in Westerville im US-Bundesstaat Ohio. Ihre Gemeinde gehört der United Church of Christ (UCC) an. Seit Jahresbeginn ist Rother dort auch die Hauptpastorin (Senior Pastor) und hat in dieser Funktion erstmals seit 30 Jahren mit einem Brief an die Gemeinde öffentlich Stellung zur politischen Lage nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd (46) genommen.

Auch das per Mail geführte Interview musste am Dienstag unterbrochen werden: Gemeinsam mit ihrer Tochter brach die gebürtige Deutsche zwischendurch zu einer Demonstration der „Black Lives Matter“-Bewegung in Columbus auf, der Hauptstadt von Ohio. Rund 500, meist junge Menschen protestierten dort gegen den alltäglichen Rassismus in den USA.

 

Frau Rother, Westerville befindet sich knapp 1200 Kilometer südöstlich von Minneapolis. Wie äußert sich der Protest nach dem Tod von George Floyd bei Ihnen und in der benachbarten Bundeshauptstadt Columbus?

Sigrid Rother: Westerville ist ethnisch gemischt und die Schulen haben einen großen Anteil an Nichtweißen. Aber die Kirchengemeinde ist bürgerlich und fast nur weiß. Denn hier können sich die Menschen aussuchen, wo sie gerne Mitglied sein möchten. In Columbus aber brennt es im wahrsten Sinne des Wortes. Am Samstag hat die Polizei mit Tränengas, Pfefferspray und Gewalt friedliche Demonstranten angegriffen und das führte natürlich zu Krawallen und Zerstörung. Meine Kollegen in der Innenstadt berichten, dass auch ihre Kirchen beschädigt wurden. Es herrscht Chaos, das an einen Bürgerkrieg erinnert. Der Notstand wurde ausgerufen und es gab eine Ausgangssperre. Wir wohnen etwa 20 Minuten von der Innenstadt entfernt und die ganze Nacht habe ich Hubschrauber und Sirenen gehört.

Wie reagiert die Bevölkerung?

Rother: Jeden Tag gibt es Demonstrationen. Am Sonntag war mein 19-jähriger Sohn dabei und wir haben ihm gesagt, er soll sich unsere Handynummer auf den Arm schreiben. Falls er ins Schussfeuer gerät und im Krankenhaus landet, kann uns hoffentlich jemand anrufen. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn ich ihn als Mutter, die ihre Kinder immer ermutigt hat, politisch aktiv zu sein, mit solchen Vorsichtsmaßnahmen losschicke. Am Sonntagnachmittag haben viele Kirchen in Columbus Pfingstgottesdienst auf der Straße gefeiert, es gab Friedensgebete und bis zum Abend war alles friedlich. Doch in der Nacht kam es wieder zu Krawallen. Gleich gehe ich mit meiner 16-jährigen Tochter und ihren Freunden selbst zu einer Demonstration.

Und vor den Toren von Columbus ist das kein Thema?

Rother: Westerville ist eine andere Welt. Die meisten in unserer Gemeinde gehören der oberen Mittelschicht an. Viele Weiße denken, dass sich der Rassismus erledigt hat, und haben keine Lust mehr, immer wieder das wunde Thema anzusprechen. Ich habe oft das Argument gehört:  Wir hatten einen schwarzen Präsidenten - reicht das nicht? Einige in der Kirche sind der Meinung, dass die Bibel uns persönlich trösten soll und wir Gutes tun müssen. Ja, wir kochen für die Obdachlosen und unterstützen viele Organisationen, aber es fühlt sich für mich oft so an, als ob wir ein Pflaster auf die Wunden legen, ohne die tieferen Ursachen zu behandeln und den Schmerz des langen Heilungsprozesses zu fühlen. Weiße haben keine Lust, sich ständig schlecht zu fühlen, und fragen: Wie lange müssen wir noch die Vergangenheit aufwärmen? Die Gesellschaft ist gespalten. Man kann fast sagen: Die Demokraten sind für die Demonstrationen und unterstützen die Bewegung „Black Lives Matter“, die Republikaner wollen „Law and Order“.

Die Ausschreitungen haben landesweit zu Tausenden Festnahmen geführt, Millionen Menschen sind von den Ausgangssperren betroffen. Werden die Proteste und die Gewalt durch rigorose Gegenmaßnahmen und den Einsatz der Nationalgarde eher eingedämmt oder noch befeuert?

Rother: Meiner Meinung nach ist die Lösung nicht mit Gewalt, Militär oder „Law and Order“ zu finden, denn das bringt nur noch mehr Wut und Ärger, sondern nur mit der langen Arbeit des Zuhörens, der Heilung und Einheit. Am Sonntag habe ich meine schwarze Kollegin und Superintendentin Patricia Battle angerufen und sie hat zwei Stunden lang über weiße Privilegien und institutionalisierten Rassismus geklagt. Ich konnte nur zuhören. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, als Schwarze in Angst zu leben. Ich kann es nicht fühlen, sondern nur zuhören und ihnen meine Unterstützung anbieten. Beten reicht nicht mehr, doch wir alle müssen füreinander da sein und für eine gerechtere Gesellschaft für alle eintreten.

Welche Bedeutung haben die Coronakrise und ihre Auswirkungen auf die schwarze Bevölkerung für die Eskalation der Proteste?

Rother: Covid 19 trifft statistisch gesehen mehr Schwarze als Weiße, aber das hat nicht mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit den Lebensumständen: Armut, schlechtere Wohnsituationen, unterschiedliche Lebenserwartung. Ohio hat fast alle Restriktionen gelockert und wir sollen Masken tragen. Doch die jahrelang angestaute Wut hat jetzt einen Auslöser - als ob von einem Dampfkochtopf endlich der Deckel gelöst wurde. Die Coronadaten werden ansteigen, doch das stört keinen. Es geht jetzt um viel größere und tiefere Wunden.

Kirche und Politik sind in den USA traditionell stärker voneinander getrennt als in Deutschland. Haben die Kirchen dennoch Einflussmöglichkeiten auf den Konflikt?

Rother: Die wütende Reaktion der Bischöfin auf das Foto des Präsidenten vor der Kirche in Washington ist ein Beispiel, dass die Kirchen mehr Einfluss nehmen. Bei den Schwarzen sind die Kirchen ohnehin viel stärker politisch engagiert und es gibt immer mehr ökumenische Gebete.

Bei Trumps Auftritt vor der Kirche in Washington ist es am Montagabend zu Gewalt gegen friedliche Demonstranten gekommen.  Kann sich das auch negativ auf Kirchen auswirken, wenn der Präsident sie für eigene Zwecke missbraucht?

Rother: Danach war er auch in der katholischen Kirche und dort war man ebenfalls nicht begeistert. Nach allem, was ich in meinem Bekanntenkreis und in den Medien höre und lese, wirkt sich das nicht negativ für die Kirchen aus, sondern nur für den Präsidenten.

Stehen derzeit auch die Kirchen selbst verstärkt vor Zerreißproben?

Rother: Ja, die Kirchen müssen meiner Meinung nach jetzt Stellung beziehen. Ähnlich wie in der Homosexuellenfrage stehen wir an einer Wegkreuzung. Gerade für Jüngere, und damit meine ich schon die Menschen unter 50, die der Kirche eher kritisch gegenüberstehen, sind das Fragen, von denen abhängt, ob sie sich für oder gegen die Kirche entscheiden. Wenn wir nicht jetzt Stellung beziehen, wann dann? Wir haben auch einige Mitglieder verloren und werden wahrscheinlich noch mehr verlieren. Das ist dann auch immer wieder eine Sache des Geldes, denn die Mitglieder finanzieren hier komplett die Gemeinde. Doch für uns geht es um eine Glaubens- und Gewissensfrage. Ja, es werden einige gehen, doch wir sind eher für die da, die sonst keine Kirche finden, als für die, die es schön gemütlich und so wie immer haben wollen. Dafür gibt es genügend Kirchen, doch die UCC war schon immer am Rand und hat Stellung bezogen.

Schlägt sich das auch in der Partnerschaft zur rheinischen und der westfälischen Kirche nieder?

Rother: Unsere Kirche hat die längste Beziehung und die meisten Begegnungen in der Kirchengemeinschaft. Für März hatten wir wieder eine Reise nach Schwelm und Rom geplant, doch dann kam das Coronavirus und wir mussten alles verschieben. Besonders seit Samstag bin ich in fast täglichem Austausch mit unseren deutschen Freundinnen und Freunden und berichte, was vor Ort passiert:  von den Hubschraubern in der Nacht bis hin zu meinen Erlebnissen auf der Demonstration heute.

Michelle Obama hat von einem Herzschmerz gesprochen, "der niemals aufzuhören scheint". Wie groß ist noch Ihre Hoffnung, dass Rassismus und Diskriminierung in den USA doch eines Tages spürbar eingedämmt werden können? 

Rother: Die Hoffnung ist das Letzte, das geht. Ohne Hoffnung lohnt sich es nicht zu leben. In Columbus ist der Rassismus gerade zur Krise der öffentlichen Gesundheit erklärt worden, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es wird lange dauern und Rassismus ist wie ein Virus, der sich in das ganze Leben eingenistet hat. Warum sterben schwarze Babys häufiger als weiße? Warum sind prozentual mehr schwarze Männer im Gefängnis als weiße? Warum gibt es Nachbarschaftsrundbriefe mit Warnungen vor einem schwarzen, jungen Mann, der an einer Straßenecke gesehen worden ist? Wir wohnen an dieser Straßenecke und haben weder Angst noch ein Haussicherheitssystem.

Trumps martialische Töne zielen sehr eindeutig auf die Mobilisierung seiner Anhängerschaft. Gibt es aus Ihrer Sicht irgendwelche Anzeichen, dass sein Rückhalt in einem Umfang schwindet, der seine Wiederwahl gefährden könnte?

Rother: Ja, der Präsident versucht alles einzusetzen, egal ob legal oder nicht, damit er seine Machtposition erhalten kann. Statt mit Zuhören und Gesprächen protzt er mit Gewalt. Es ist ganz klar, dass er an die Weißen appelliert, die Militarismus und Gewalt befürworten. Leider gibt es von ihnen sehr viele, besonders im Süden und in den ländlichen Gebieten, und die meisten sind schwer bewaffnet. Warum hat er vor einigen Wochen die schwer bewaffneten Demonstranten in Lansing, der Hauptstadt von Michigan, als gute Menschen bezeichnet? Sie verunglimpften die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer und verglichen sie wegen ihrer Covid-19-Sicherheitsmaßnahmen mit Hitler. Die Demonstranten waren meist weiße Männer, die große US- und Trump-Flaggen schwenkten. Doch die Leute, die jetzt seit Tagen auf die Straße gehen, wertet der Präsident ab, statt sich hinzusetzen und von ihnen zu hören, warum sie unzufrieden sind.

 

Zur Person: Sigrid Rother ist seit 2002 Pfarrerin in der US-amerikanischen Gemeinde Westerville, einem Vorort der Hauptstadt Columbus im US-Bundesstaat Ohio. Sie studierte Theologie in Deutschland und England, war Vikarin in Wuppertal, Auslandsvikarin in Johannesburg/Südafrika und promovierte in Chicago. Ihre Gemeinde gehört der liberalen United Church of Christ (UCC) an. Seit 2008 besteht eine Partnerschaft zur Evangelischen Kirchengemeinde Schwelm. Rother ist mit einem Amerikaner verheiratet und hat zwei Kinder. 

 

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ekir.de / Ekkehard Rüger, Fotos: Sigrid Rother, Westerville Communtiy/UCC / 03.06.2020



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