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Präses Manfred Rekowski bei einem Besuch eines UNHCR-Flüchtlingslagers in der Bekaa-Ebene im Libanon. Präses Manfred Rekowski bei einem Besuch eines UNHCR-Flüchtlingslagers in der Bekaa-Ebene im Libanon

Reise nach Syrien und in den Libanon

„Man kann zurzeit niemandem raten, nach Syrien zurückzukehren“

Präses Manfred Rekowski hegt nach seiner Reise in den Libanon und nach Syrien erhebliche Zweifel daran, dass die syrischen Flüchtlinge in Deutschland bald zurückkehren können. Auch internationale Hilfsorganisationen und hochrangige politische Beobachter, mit denen er dort zahlreiche Gespräche führte, teilen diese Einschätzung.

Und dies, obwohl Syriens Staatspräsident Assad mit Hilfe der Russen große Teile des Landes zurückerobert hat. Kämpfe, berichten internationale Hilfsorganisationen und Beobachter, gebe es nur noch in der Region um Idlib und im äußersten Nordosten.

 

Aber was bedeutet es für die rund 780.000 syrischen Flüchtlinge in Deutschland, dass im allergrößten Teil des Landes kein Krieg mehr herrscht? Können sie womöglich bald zurück? Ist es sicher für sie in Syrien? Antworten auf diese Fragen suchten Manfred Rekowski und der Vizepräsident der Evangelischen Kirche im Rheinland, Johann Weusmann, auf ihrer Reise Ende August in den Libanon und nach Syrien. Begleitet wurden sie von Kirchenrätin Anja Vollendorf und Kirchenrat Stefan Drubel.

 

„Sicherheit - wie definiert man Sicherheit?“, mit diesen Worten umriss ein politischer Beobachter, der Syrien und das Regime seit vielen Jahren sehr genau analysiert, die Schwierigkeit bei der Einschätzung. „Es geht dabei nicht um Krieg und Frieden“, sagte er, „es geht um persönliche Sicherheit“.

 

„Willkür wird das Wort sein“

 

In Syrien gebe es vier wichtige Geheimdienste, dutzende Milizen und außerdem einen mafiösen Staat. Man könne vor diesem Hintergrund nicht vorhersagen, ob jemandem Gefahr droht oder nicht. „Willkür wird das Wort sein“, lautet seine Beurteilung der Sicherheitslage. Niemand könne unter diesem Regime wissen, ob ihm Gefahr drohe, ob er ohne Angabe von Gründen in ein Gefängnis gebracht wird. Willkür sei ein Merkmal dieses Regimes.

 

Hinzu kommt, dass die Flüchtlinge, das betonen auch Hilfsorganisationen, in den Augen des Regimes Teil der Opposition sind. Deshalb lege das Regime keinen Wert darauf, dass sie zurückkommen. Diese Einschätzung spiegelt sich etwa auch in der Aussage von General Dschamil Hassan, dem Chef des gefürchteten syrischen Luftwaffengeheimdienstes, wider, wenn er sagt, drei Millionen syrische Flüchtlinge stünden auf Fahndungslisten.

 

Und dass die Flüchtlinge gebraucht würden, um beim Wiederaufbau zu helfen, sei eine nicht zutreffende Annahme, so politische Beobachter. Ohnehin würde der Westen wohl nur Wiederaufbauhilfe leisten, wenn Assad bei den Genfer Verhandlungen zu Zugeständnissen bereit wäre. Aber der Staatspräsident lehne das bisher rundweg ab. Und seit er mit Hilfe der Russen Teile des Landes zurückerobert hat, fühle er sich in seiner Haltung noch bestärkt.

 

Wirtschaftliche Lage macht Rückkehr unmöglich

 

Neben diesen Gründen sei es auch die wirtschaftliche Lage in dem Land, in dem seit 2011 Bürgerkrieg herrscht, die eine Rückkehr so gut wie unmöglich mache. Das Bruttosozialprodukt betrage rund 12 Milliarden Dollar, vor dem Krieg seien es 60 Milliarden gewesen. Wer vor dem Krieg umgerechnet 500 Dollar verdient habe, verdiene immer noch 500 Dollar, wert seien sie nur ein Zehntel. Die Geflüchteten, so die Mitarbeiterin einer internationalen Hilfsorganisation, wüssten nicht, wovon sie in Syrien leben sollen.

 

Zwei Drittel der Schulen seien zerstört, um nur ein Beispiel für das Ausmaß an Zerstörung zu nennen. Die Regierung habe Häuser, die intakt waren, „jeden Bauernhof“, an Regime nahe Personen vergeben. Das zu entwirren, ohne ein Katasteramt, das es nicht gebe, sei kaum möglich. „Bei vielen Flüchtlingen im Libanon“, so heißt es bei einer internationalen Hilfsorganisation, „ist die Motivation, zurückzugehen, da. Aber bei der Abwägung, dass ihnen im schlimmsten Fall der Tod droht oder Folter, dass sie nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen“, entschieden sie sich dagegen.

 

„Es ist zu früh“

 

Zahlen belegen das. Etwa 5 bis 5,5 Millionen Syrerinnen und Syrer (von etwa 20 Millionen) hätten das Land seit dem Beginn des Krieges verlassen, erläutert ein Mitarbeiter einer anderen Hilfsorganisation. Die meisten von ihnen seien im Libanon und in der Türkei. Lediglich drei Prozent der Geflüchteten seien bisher in ihre Heimatregion zurückgekehrt, von diesen drei Prozent seien aber 97 Prozent Binnenflüchtlinge.

 

Doch nicht nur politische Beobachter, auch ein kirchlicher Würdenträger riet von einer baldigen Rückkehr ab. Häuser seien zerstört, die Infrastruktur fehle teilweise, sagte er. Als er darauf angesprochen wird, dass auch viele Menschen Angst hätten zurückzukommen, deutete der Theologe, dem an einem auskömmlichen Verhältnis zum Regime gelegen ist, aber unüberhörbar an: „Es ist zu früh.“

 

Es herrscht große Furcht vor dem Regime

 

Für den Präses der rheinischen Kirche wie auch für den Vizepräsidenten Johann Weusmann ergeben sich deshalb aus den zahlreichen Gesprächen, die sie mit Hilfsorganisationen, hochrangigen politischen Beobachtern, Kirchenvertretern, Gemeindemitgliedern und auch mit einer Flüchtlingsfamilie geführt haben, erhebliche Zweifel an einer baldigen Rückkehr. „Ich habe wahrgenommen, dass große Furcht gegenüber dem Regime in Syrien herrscht, dass keine Sicherheit garantiert werden kann“, sagte Manfred Rekowski. „Hinzu kommt, dass das Regime als Regierung wahrgenommen wird, die von Willkür geprägt ist.“

 

Die zerstörten Gebiete, das Land, das ihnen weggenommen wurde, sprächen ebenfalls gegen eine baldige Rückkehr. „Ich bin derzeit sehr pessimistisch“, sagte er, „auch wenn die Kriegshandlungen abgenommen haben und es beispielsweise in Damaskus ein hohes Maß an Normalität gibt.“ Aus all den genannten Gründen warnt er stattdessen davor, aus dem Rückgang der Kämpfe zu schließen, dass die geflüchteten Syrer einfach in ihr Land zurückkehren können. Mit gutem Gewissen, befand er auf der Reise, „kann man niemandem zurzeit dazu raten, nach Syrien zurückzukehren“.

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ekir.de / Angelika Wölk, Foto: Marcel Kuß / 19.09.2019



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