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Dr. Frank Vogelsang ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland. Dr. Frank Vogelsang ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Interview

„Verbundenheit macht uns Menschen von Grund her aus“

Verbundenheit ist mehr als eine freundliche Begleiterscheinung von Individuen, sie ist grundlegend, sagt Dr. Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland. Im Interview spricht er über den Bedeutungsverlust traditioneller Gemeinschaftsstrukturen und die Chancen neuer Netzwerke.

Buchcover: Soziale Verbundenheit Buchcover: Soziale Verbundenheit

Sie stellen in Ihrem neuen Buch „Soziale Verbundenheit“ fest, dass immer mehr Menschen das Vertrauen in unsere moderne Gesellschaft verlieren und diese auseinanderzubrechen droht. Woran liegt das? Welche Gefahren liegen darin für unsere Gesellschaft?

 

Dr. Frank Vogelsang: Aktuelle Entwicklungen sind etwa Verschwörungstheorien, populistische Strömungen, Anti-Corona- Demonstrationen. Diese sind Teil einer langfristigen Entwicklungstendenz. Der amerikanische Soziologe Robert Putnam hat schon vor 20 Jahren festgestellt, dass die sozialen Strukturen in den USA deutlicher schwächer werden. Die Folgen sehen wir heute.
Es gibt in den westlichen Gesellschaften einen langfristigen Trend zur Individualisierung, zur Vereinzelung: Faktoren wie Neoliberalismus, digitale Plattform-Ökonomien, die kulturelle Betonung der Authentizität schwächen die bestehenden Institutionen, die Formen der sozialen Verbundenheit. Verbundenheit ist aber keine freundliche Begleiterscheinung von Individuen, sondern macht uns leibliche Menschen von Grund her aus. Ein Beispiel: Nur mithilfe der Sprache können wir „nein“ sagen, uns abgrenzen. Aber die Sprache stammt gerade aus der Verbundenheit mit anderen, die Verbundenheit ist grundlegend.

 

Traditionelle Strukturen wie beispielsweise das Vereinswesen oder auch Kirchen binden immer weniger Menschen, stattdessen organisieren sie sich immer mehr in Netzwerken. Welche Chancen liegen darin, um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wieder zu stärken?

 

Vogelsang: In Netzwerken liegt wahrscheinlich die Zukunft. In der Geschichte der Menschheit hat es einen ständigen Wandel der Formen der Verbundenheit gegeben, sehr verkürzt, von der Horde angefangen, über die Stämme, den Völkern und Nationen, bis hin zu Staaten mit Parteien und Vereinen in der Moderne. Die Formen, die vor 50 Jahren stark waren, sind heute geschwächt. Das Vakuum wird aber wieder gefüllt werden, weil Verbundenheit eine menschliche Grundgegebenheit ist. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist deshalb ein Schwerpunkt der Akademiearbeit. Populistische Strömungen wollen in den hochindividualisierten Gesellschaften wieder zurück in die Vergangenheit. Was aber kann in die Zukunft weisen? Das werden wohl netzwerkartige Strukturen sein, in die sich bestehende Formen wie Vereine, Parteien, aber auch Kirchen weiter entwickeln.

 

Führt die Digitalisierung zu neuen Formen des Engagements? Wird es leichter, sich online zu Bewegungen zusammenzuschließen und wie gelingt es Internetbewegungen, eine Rückwirkung in die Gesellschaft zu bekommen?

 

Vogelsang: Die digitalen Medien bieten ein großes Potential für neue Formen der Verbundenheit, auch wenn sie zurzeit der Individualisierung Vorschub geben. Wahrscheinlich werden es letztendlich hybride Netzwerke sein, die sich durchsetzen, also eine Mischung aus digitaler Kommunikation und lokaler Gebundenheit. Ein Beispiel: Wenn „Fridays for Future“ im Netz demonstrieren, wirkt das kaum. Da waren ihre klassischen Straßendemonstrationen viel stärker. Aber wie kommen Menschen zusammen, um zu demonstrieren, wie wissen sie voneinander? Das ist heute durch viel stärker durch digitale Medien bestimmt. Die entscheidende Frage ist: Wie können sich digitale Strukturen und lokale Strukturen wechselseitig stärken? Wir machen in der Akademie zurzeit nun vermehrt Veranstaltungen als Videokonferenzen: Die meisten Teilnehmenden haben aber auch eine gemeinsame lokale Bindung.

 

Die Kirche versteht sich als Gemeinschaft. Was kann sie tun, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft wieder zu stärken?

 

Vogelsang: Christliche Gemeinschaften haben eine erstaunliche Eigenschaft: Sie haben in ihrer Geschichte eine unglaubliche Vielfalt an Formen der Verbundenheit geschaffen: Von den Minderheitsgemeinden im Römischen Reich, über die sich entwickelnde Reichskirche, den Klöstern und Kommunitäten, der mittelalterlichen Papstkirche, den Armutsorden und Laienbewegungen, dem landesherrlichen Kirchenregiment, den pietistischen Zirkeln, den diakonischen Einrichtungen bis zu den heute bekannten Gemeindehäusern. Es ist also ein weiterer Wandel zu erwarten. Bei den neuen Formen aber werden digitale Medien eine entscheidende Rolle spielen.

 

Zur Person
Dr. Frank Vogelsang  ist Diplom-Ingenieur und evangelischer Theologe. Seit 2002 ist er an der Evangelischen Akademie im Rheinland tätig, zunächst als Studienleiter, seit 2005 als Direktor der Akademie. Sein Arbeitsschwerpunkt ist der Dialog zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften im Allgemeinen, der Theologie im Besonderen, sowie Fragen der Ethik im Bereich von Wissenschaft und Technik.

Buch
Frank Vogelsang: Soziale Verbundenheit - Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne, Verlag Karl Alber, 2020, 240 Seiten, 32 Euro

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ekir.de / Ralf Peter Reimann, Foto: Ev. Akademie im Rheinland / 25.06.2020



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