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Friederike Schemann und Daniel Book von der Diakonie Wuppertal sind verlässliche Ansprechpartner für die Kinder und Jugendlichen der sogenannten „Gucci-Gang“. Friederike Schemann und Daniel Book von der Diakonie Wuppertal sind verlässliche Ansprechpartner für die Kinder und Jugendlichen der sogenannten „Gucci-Gang“.

Straßensozialarbeit

„Ich bin ein guter Zuhörer“

Eine Gruppe von Jungen und Mädchen zieht durch Wuppertals Stadtteile Oberbarmen und Barmen, nimmt Drogen und begeht Straftaten. Wo offizieIle Stellen an Grenzen kommen, fängt die Arbeit von Daniel Book an: Er und seine Kollegin Friederike Schemann suchen den Kontakt zu den Kindern. Sie sind Streetworker bei der Diakonie.

Über den Berliner Platz in Wuppertal-Oberbarmen hasten die Pendlerinnen und Pendler. Die meisten achten auf ihrem Weg vom Bahnhof zu den Bussen nicht auf ihre Umgebung, sie halten den Blick gesenkt. Daniel Book hingegen schlendert über den Platz. Seine Augen wandern vom Treppenaufgang der Schwebebahn über die Bänke an den Bushaltestellen bis hin zur Wupperbrücke. Der Streetworker hält Ausschau nach den Jungen und Mädchen, die sich selbst „Gucci-Gang“ nennen, eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die Straftaten begehen und der Stadt zunehmend Sorge bereiten.

Ende Mai haben zwei 14-jährige Mitglieder der Gang einen Rentner so brutal zusammengeschlagen, dass er bleibende Schäden davontragen wird. Die Gucci-Gang begeht Straftaten wie Diebstahl, Raub und Körperverletzung bis hin zu Drogendelikten. Sie lehnt die bisherigen Angebote des Jugendamts ab, nicht alle Kinder gehen zur Schule.

In Absprache mit den städtischen Stellen ist Daniel Book mit seiner Kollegin Friederike Schemann seit Februar drei- bis viermal die Woche vor Ort unterwegs. Die beiden sprechen die Kinder und Jugendlichen gezielt an, sie bieten niederschwellige Hilfe an. Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr begrenzt, wird dann ausgewertet und gegebenenfalls weitergeführt.

Zur Gucci-Gang gehören 15 bis 20 Kinder und Jugendliche
Die genaue Größe der Gruppe ist schwer einzuschätzen, sagt Book. 15 bis 20 Kinder und Jugendliche, überwiegend jünger als 14 und aus allen sozialen Schichten, gehören zur Gang. Sie begehen Straftaten in dem Bewusstsein, dass sie in ihrem Alter noch nicht strafmündig sind. Mit dem 14. Lebensjahr hören einige mit den kriminellen Handlungen auf und treten in den Hintergrund.

Dass Jugendliche straffällig werden, sei nicht neu, sagt Book. Aber dass die Gruppe eine derartig starke Anziehungskraft auf Gleichaltrige hat, schon. Es sei nicht leicht gewesen, einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen zu bekommen. „Bei unserer Arbeit ist eines der wichtigsten Mittel unsere ,Handkasse‘. Damit haben wir die Möglichkeit, unbürokratisch und schnell zu helfen, zum Beispiel, wenn der Bauch der Kinder seit geraumer Zeit leer ist. Dann gehen wir zusammen etwas essen und trinken. Die Kinder müssen dafür nicht stehlen oder andere illegale Sachen machen“, erzählt Book. „Sie suchen nach einem Austausch. Oft fehlt der mit den Eltern zuhause.“

Sie sind für die Kinder da – Tag und Nacht
Schemann und Book hören zu, egal, ob die Kinder über ihre Probleme sprechen wollen oder einfach über das, was sie an diesem Tag beschäftigt. Das ist ein zentraler Aspekt der Arbeit und wichtig für den Beziehungsaufbau. „Ich bin ein ganz guter Zuhörer“, sagt Book. Damit die Kinder ihn jederzeit erreichen können, hat er schon einmal ein Handyladekabel gegen eine Telefonnummer getauscht. Die Anlaufstelle sei wichtig. Zum Beispiel, damit die Kinder nicht bei Menschen schlafen müssen, die ihre Notlage ausnutzen. „Auch abends klingelt schonmal das Telefon, dann gehen wir nochmal los. Wir sind für die Kinder da.“

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist das Vermitteln. Nicht selten ist der Kontakt zur Kinder- und Jugendhilfe, zur Schule und zu den Eltern komplett abgebrochen. „Wir versuchen dann, alle wieder an einen Tisch zu bringen und parteilich für die Kinder und Jugendlichen da zu sein. Dabei hilft unsere Schweigepflicht. Alles, was uns die Kinder und Jugendlichen erzählen, bleibt erstmal bei uns. Wir gehen erst in Kontakt mit anderen Stellen, wenn das von dem jeweiligen Kind oder Jugendlichen gewünscht ist. Das heißt, wir versuchen, durch pädagogische Arbeit die Kinder und Jugendlichen dazu zu bewegen, wieder mit den entsprechenden Stellen zu sprechen – mit uns an ihrer Seite“, so Book.

Sein Ziel ist es, dass die Kinder und Jugendlichen ihn irgendwann nicht mehr brauchen. „Dann ist meine Arbeit hier überflüssig, und das ist das Beste, was passieren kann“, lacht Daniel Book. So lange werden Friederike Schemann und er den Kindern und Jugendlichen zuhören und die Arbeit der mobilen Kinder- und Jugendarbeit in Wuppertal-Oberbarmen und -Barmen fortsetzen.

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ekir.de / Text: Romina Volmer / Foto: Daniel Book / 05.08.2019



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