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Bei der Telefonseesorge finden Suizidgefährdete rund um die Uhr Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Suizidgefährdete und auch Menschen, die mit ihnen in Kontakt sind, rund um die Uhr Hilfe.

Suizidprävention

„Für Hilfe ist es nie zu früh“

Es gibt jährlich 10.000 Fälle von Suizid in Deutschland. Ob ein  Mensch die Absicht hegt, sich das Leben zu nehmen, ist schwer zu erkennen. Über mögliche Signale und den Umgang mit Suizidgefährdeten spricht Pfarrer Jürgen Sohn im Interview. Als Leitender Dezernent im Landeskirchenamt ist er unter anderem für Seelsorge zuständig.

Kirchenrat Pfarrer Jürgen Sohn ist Leitender Dezernent für den Bereich Gemeinde in der Abteilung Theologie und Ökumene im Landeskirchenamt. Kirchenrat Pfarrer Jürgen Sohn ist Leitender Dezernent für den Bereich Gemeinde in der Abteilung Theologie und Ökumene im Landeskirchenamt.

Suizidprävention ist das Thema der diesjährigen „Woche für das Leben“, die am Samstag beginnt. Bevor ein Suizid verhindert werden kann, muss aber zunächst erkannt werden, dass ein  Mensch solche Absichten hegt. Gibt es dafür Signale?

Es gibt eine Vielzahl von Signalen,  aber es gibt keine Garantie, dass ich sie auch wahrnehme und verstehe. Es ist also nichts eindeutig.  Ein mögliches Signal könnte sein,  wenn Menschen, die sehr an ihrer Umwelt interessiert und lebendig im Kontakt waren, auf einmal teilnahmslos werden und sich zurückziehen. Manchmal sind Suizidgedanken auch an Äußerungen zu erkennen. Zum Beispiel:  „Das ist alles sinnlos“ oder „Bald muss ich nicht mehr leiden“. Suizide sind häufig mit psychischen Erkrankungen verbunden. Bei einem Menschen mit schweren Depressionen  kann ich zum Beispiel auf Stimmungsschwankungen achten.  Auch wenn diese nach oben gehen, kann das durchaus kritisch sein. Wenn jemand aus vielen Problemen heraus auf einmal  eine ganz klare, aufgehellte Stimmung hat, kann das auch die Entlastung sein, den Entschluss zum Suizid gefasst zu haben. 

Nehmen wir an, ich habe bei jemandem einen konkreten Verdacht. Was kann ich tun? Soll ich die betroffene Person darauf ansprechen?

Ja, es ist gut, Betroffene direkt anzusprechen. Und es ist  wichtig, es wertschätzend zu tun. Also indem Sie ausdrücken: „Ich mache mir Sorgen um dich. Ich habe das und das wahrgenommen und habe Angst, dass du mit dem Gedanken spielst, dir das Leben zu nehmen.“  Das Thema Suizid darf nicht tabuisiert werden. Zum einen, weil es eine Realität ist – durch Suizid sterben mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle. Und zum anderen, weil es eine echte Chance gibt, Menschen tatsächlich zu helfen: durch frühzeitige Gespräche, durch Beistand und praktische Unterstützung.

Und wenn  sich eine Person mir gegenüber öffnet und über ihre Suizidgedanken spricht, was mache ich dann?

Dann ist schon mal ein ganz großer Schritt getan: Die Person hat die Möglichkeit, darüber zu reden. Überlegen Sie gemeinsam, welche Schritte sie nun gehen möchte und versuchen Sie, das auch möglichst verbindlich zu verabreden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Gefahr eines Suizids sehr akut ist, lassen Sie die betroffene Person damit nicht alleine und begleiten Sie sie, wenn möglich, auch darin, dass sie sich professionelle Hilfe sucht.  Bei Depressionen zum Beispiel bei einer psychiatrischen Stelle. Betroffenen scheint oft schon der Weg dahin aussichtslos. Deshalb ist es gut anzubieten: Ich fahre dich, ich organisiere das für dich. Das kann große Hürden abbauen.  Und in akuten Krisen ist es wichtig, dass sofort etwas passiert.

Ich kann mir vorstellen, dass ich mich als Helfende in einer solchen Situation schnell überfordert fühle.

Holen Sie sich auf jeden Fall selbst Unterstützung. Dafür ist es nie zu früh!  Eine kompetente Anlaufstelle ist die Telefonseelsorge. Dort gibt es Menschen mit Erfahrung und einer guten Vernetzung, die rund um die Uhr helfen. Ansonsten helfen evangelische Beratungsstellen. Oder wenn ein guter Kontakt zum Gemeindepfarrer, zur Gemeindepfarrerin besteht, kann auch da Seelsorge in Anspruch genommen werden. Ansonsten würde ich immer dazu raten, Hilfe so niederschwellig wie möglich zu suchen.

Wie ist ein Suizid theologisch zu betrachten? Welcher Haltung begegnen Menschen, die sich deswegen an evangelische Geistliche oder Seelsorgende wenden?

Als evangelischer Geistlicher betrachte ich das Leben als ein Geschenk Gottes. Deshalb kann ich nicht sagen, dass es gut ist, es wegzuwerfen.  Eine ausführliche theologische Betrachtung gibt es in der Handreichung „Niemand nimmt sich gern das Leben“, die die rheinische Kirche 2014 herausgegeben hat. Auf der anderen Seiten haben alle, die seelsorglich geschult sind, die Haltung, Menschen da anzunehmen, wo sie stehen und ihnen wertschätzend zu begegnen. Mit einem aufrichtigen Interesse an dem, was sie gerade beschäftigt, und auf keinen Fall wertend oder moralisierend. Das ist die Voraussetzung, um in Beziehung zu kommen.

 

Telefonseelsorge

Suizidgefährdete und Menschen, die im Kontakt mit Suizidgefährdeten sind,  erhalten rund um die Uhr Unterstützung bei der Telefonseelsorge unter den kostenfreien Rufnummern  08001110111 oder  08001110222.

Woche für das Leben

„Leben schützen. Menschen begleiten. Suizid verhindern“ heißt das Thema der diesjährigen Woche für das Leben. Die gemeinsame Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz findet bundesweit vom  4. bis 11. Mai statt.  Die beiden Kirchen widmen sich dabei  dem Anliegen der Suizidprävention und möchten die vielfältigen Beratungsangebote für suizidgefährdete Menschen – darunter besonders die Telefonseelsorge – in der Öffentlichkeit stärker bekannt machen.

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ekir.de / Christina Schramm, Fotos: Anna Neumann, Markus J. Feger / 03.05.2019



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