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Präses Manfred Rekowski am Montag zu Besuch im Beiruter Stadtteil Shatila. Dort leben seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge. Nun fürchten libanesische Regierung und Bevölkerung, dass die rund 1,5 Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge ähnlich Präses Manfred Rekowski zu Besuch im Beiruter Stadtteil Shatila. Dort leben seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge. Nun fürchten libanesische Regierung und Bevölkerung, dass die rund 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge ähnlich lange im Land bleiben

Syrien

„Ich bin mit Blick auf die Rückkehrsituation pessimistisch“

Nach einem Besuch in Syrien und im Libanon hält der rheinische Präses und Migrationsexperte Manfred Rekowski eine Rückkehr syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge für unrealistisch. In Syrien herrsche ein Regime, das mit der Opposition nicht zimperlich umgehe. Und jeder, der zurückkehrt, werde als Teil der Opposition angesehen.

Was haben Sie in Damaskus von der aktuellen Lage in Syrien mitbekommen?

 

Manfred Rekowski: In Damaskus haben wir die Normalität einer Großstadt in dieser Region erlebt. Das syrische Regime unter Baschar al-Assad kontrolliert ja inzwischen rund 90 Prozent des Landes, lediglich im Norden halten die Rebellen noch einige Gebiete. Diese scheinbare Normalität entspricht aber nicht der Wirklichkeit des gesamten Landes.

 

Wie haben Sie die Lage syrischer Flüchtlinge im Libanon erlebt?

 

Zunächst beeindruckt es mich enorm, dass der kleine Libanon mit rund vier Millionen Menschen seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge beherbergt und nun zusätzlich rund 1,5 Millionen Syrern Zuflucht gewährt. Sie leben in zahlreichen dezentralen Unterkünften. Wir haben ein solches Camp mit 120 Bewohnern besucht und unter anderem mit einer Frau gesprochen, deren Mann vor Jahren in Syrien festgenommen wurde und die nun im Libanon versucht, mit ihren drei Kindern unter einigermaßen erträglichen Verhältnissen zu leben.

 

Will sie im Libanon bleiben oder kann sie sich vorstellen, nach Syrien zurückzukehren?

 

Diese Frau würde sich derzeit in Syrien einer Willkürherrschaft schutzlos ausgeliefert sehen. Dass in großen Teilen Syriens nicht mehr gekämpft wird, heißt für die ins Ausland geflohenen Menschen nicht, dass sie gefahrlos zurückkehren können. Jeder Syrer, der das Land verlassen hat, gilt als Teil der Opposition und muss sich bei einer Rückkehr darauf gefasst machen, dass ihn die Staatsgewalt ins Visier nimmt. Deshalb kehren nur sehr wenige Menschen zurück.

 

Eine Rückkehr ist also auf längere Sicht unrealistisch – auch für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland?

 

Ich bin im Blick auf die Rückkehrsituation derzeit sehr pessimistisch, auch wenn die Kriegshandlungen abgenommen haben und es teilweise ein überraschend hohes Maß an Normalität gibt. In Syrien herrscht ein Regime, das mit der Opposition nicht zimperlich umgeht. Und jeder, der zurückkehrt, wird wie gesagt als Teil der Opposition angesehen. Es gibt überhaupt kein Vertrauen der Menschen in das Assad-Regime, das als unberechenbar gilt. Auch das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR hat keine Möglichkeit, die Menschen zu schützen. Ich warne deshalb davor, aus dem Rückgang der Kämpfe zu schließen, dass die geflüchteten Syrer einfach in ihr Land zurückkehren können.

 

Sie haben auch ein palästinensisches Flüchtlingslager besucht – viele Palästinenser leben ja seit Jahrzehnten im Libanon. Befürchten die Libanesen, dass es mit den Syrern ähnlich sein könnte?

 

Diese Sorge der Libanesen ist in der Tat sehr ausgeprägt. Das Schicksal der im Libanon lebenden Palästinenser zeigt, dass ein über viele Jahre ungelöstes Flüchtlingsproblem, das sich verstetigt, für eine Gesellschaft zu einer unerträglichen Belastung werden kann. Wir sind durch die engen Gassen eines palästinensischen Lagers gegangen, haben die schlechten hygienischen Verhältnisse, die chaotische Gesundheitsversorgung, arbeitende Kinder und die dichte Bebauung erlebt. Die meisten Menschen rechnen nicht mehr mit einer Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, sie sehen praktisch keine Hoffnungsperspektive. „Das Land verlassen in Richtung Europa“, hat man uns auf Nachfrage gesagt. Diese Situation der Lager ist Sprengstoff für die libanesische Gesellschaft.

 

Was muss getan werden, um dieses Situation zu ändern?

 

Alles, was Menschen Perspektive gibt, lohnt und ist eine gut angelegte Investition. Hier ist zunächst die Politik gefragt. Im Syrien-Konflikt muss Bewegung entstehen, die den Menschen Zutrauen gibt, dass sie sicher in ihre Heimat zurückkehren können und ihr Land sich weiterentwickelt. Die Supermächte müssen miteinander ins Gespräch kommen. Uns ist hier in der Region immer wieder gesagt worden, dass die Konfliktparteien einschließlich der beteiligten Supermächte die Bereitschaft entwickeln müssen, an einer substanziellen Lösung zu arbeiten. Derzeit ist das aber für mich nicht absehbar.

 

Was haben Sie über die Lage und die Haltung der Christen in Syrien erfahren?

 

Die Christen haben uns gesagt, dass sie nur noch zwei Konfliktparteien sehen: das Assad-Regime auf der einen und radikale islamistische Milizen auf der anderen Seite. Es gebe deshalb nur die Wahl zwischen einer Führung, die mit harter Hand regiert und dabei auch die Menschenrechte verletzt, und einem islamistischen Gottesstaat. Der einhellige Tenor der Christen verschiedener Konfessionen lautet: Die aktuelle Regierung lässt uns leben und Kirche sein und ermöglicht uns, als Christen im Land zu sein. Wenn die Assad-Regierung verschwindet und durch eine dieser fundamentalistischen Oppositionsgruppen ersetzt wird, dann werden wir hier keine Zukunft haben, dann wird es keine Christen und keine Kirche mehr in Syrien geben.
Die syrischen Christen wollen nicht das gleiche Schicksal erleiden wie die Christen im Irak. Ihre Furcht vor einem islamistischen Regime ist enorm groß und Assad gilt als das kleinere Übel. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass wir in christlichen Häusern wie selbstverständlich auch Bilder des Staatspräsidenten gesehen haben.

 

Wie gehen Sie mit dieser Haltung um?

 

Das ist für uns eine offene Frage, die wir von dieser Reise mitnehmen. Es ist ein Dilemma, und es gibt weder einfache Lösungen noch einen Königsweg.

 

Was gibt Ihnen Hoffnung?

 

Ein Hoffnungszeichen ist für mich das Beispiel einer kirchlich getragenen Schule im Libanon, die wir besucht haben und deren Schüler zu 60 Prozent Muslime sind. Christen und Muslime erleben dort ein Miteinander, das ihre Haltungen prägt. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit anderen Religionen und tragen diese Haltung auch in ihre Familien. Auch in Damaskus haben wir gesehen, wie Christen und Muslime in sehr guter Nachbarschaft leben. Es müsste mehr solcher Projekte geben.

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ekir.de / epd/Ingo Lehnick, Foto: Marcel Kuß / 27.08.2019



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