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Anan Alsheikh Haidar und Housamedden Darwish leben heute in Köln. Beide haben ein Stipendium und lehren an der Universität. Anan Alsheikh Haidar und Housamedden Darwish leben heute in Köln. Beide haben ein Stipendium und lehren an der Universität.

Flüchtlinge

„Unsere Hoffnung ist gestorben“

Vor fünf Jahren flohen Housamedden Darwish und Anan Alsheikh Haidar aus Syrien. Das Assad-Regime bedrohte ihr Leben. Nun steht das Ehepaar auf einer schwarzen Liste. „Eine Rückkehr würde einem Selbstmord gleichen“, sind sie sich sicher. Entscheidende Unterstützung fanden sie bei einer ökumenischen Initiative in Wermelskirchen.

Anan Alsheikh Haidar zieht sich die Jacke ein bisschen enger um die Schultern. Es ist ein stürmischer Tag. Rund um die Kölner Uni saust der Wind. Die 42-Jährige hält ihre Mütze fest und lächelt. Das verwandelt ihr trauriges Gesicht. Ihr Mann (48) hält die Tür auf und schnell finden sie einen Platz in der hellen Cafeteria. Dieser Ort ist Anan Alsheikh Haidar und Housamedden Darwish inzwischen vertraut. Sie trinken Tee und blicken dann auf die Äste, die der Wind über die Wiese vor der Uni treibt.

In Damaskus ist es jetzt fast 20 Grad warm. Aber wenn sich das Ehepaar an Syrien erinnert, dann spielt das Wetter gar keine Rolle. Dann denken die beiden an ihre Familien und an die große Hoffnung, die sie einst für ihr Land hegten. „Wir haben Syrien am 15. Juli 2014 verlassen“, sagt Housamedden Darwish. Da muss er nicht lange überlegen, sich nicht mit seiner Frau beraten. Dieses Datum vergisst er nicht. Nie.

2010 lag der arabische Frühling in der Luft, es gab Hoffnung

Denn diesem Sommertag waren Jahre vorausgegangen, die zu den glücklichsten und zu den schlimmsten ihres Lebens gehören. Beide hatten in Europa studiert – er hatte in Frankreich seinen Doktor in Philosophie gemacht, sie in London als Juristin promoviert. 2010 kehrten sie gemeinsam in ihr Heimatland zurück. Da lag der arabische Frühling schon in der Luft. Wenige Monate später fielen die ersten diktatorischen Regime. „Und wir hatten endlich Hoffnung für unser Land“, sagt Housamedden Darwish. Gemeinsam wollten sie den Wandel mitgestalten, endlich Demokratie schaffen. Sie spürten die Euphorie auf den Straßen. „Das war eine so schöne Zeit“, sagt er.

Und dann kam die Ernüchterung. Weil er nicht mehr die Gelegenheit bekam, an Demonstrationen teilzunehmen, ihm die nötige Sicherheitsfreigabe fehlte, um die Protestaktionen im Zentrum der Stadt überhaupt zu erreichen, begann er wissenschaftliche Arbeiten über den arabischen Frühling zu schreiben und über die Entwicklungen in Syrien. Die Lehre an der Universität war ihm da längst verboten. „Ich komme aus Aleppo“, sagt er und dann wird er leise. Damit scheint alles gesagt.

Dann durfte er überhaupt nicht mehr arbeiten, keine Wohnung mieten. „Und sie kamen näher“, sagt er und meint die Sicherheitsleute Assads. Als er wieder einmal in das Sicherheitszentrum geladen wurde, um Fragen zu beantworten, da beschloss Housamedden Darwish: „Es wird zu gefährlich.“ Er kannte Menschen, die nicht zurückgekehrt waren, wie vom Erdboden verschwunden.

„Wir waren zu sechst und wir hatten Angst“

Zeitgleich spürte auch seine Frau an der Universität die zunehmende Verschärfung. Sie forschte und lehrte zum Thema Menschenrechte und internationales Recht. „Und plötzlich saßen Sicherheitsleute im Hörsaal“, sagt sie. Nur ganz vorsichtig hatten sich Regimekritiker im juristischen Seminar zu erkennen gegeben. „Wir waren zu sechst und wir hatten Angst“, sagt Anan Alsheikh Haidar.

Ohnehin waren es jene Tage, in denen sich die Angst einnistete. Die Amerikaner signalisierten, sie würden sich raushalten. Auf der anderen Seite erreichten immer mehr Kämpfer des so genannten Islamischen Staats (IS) aus den Nachbarländern Syrien. Housamedden Darwish beobachtete jede Regung. Und dann: Sein Bruder wurde getötet, seine Mutter starb. „Damals verloren wir den Glauben an eine Zukunft in Syrien. Unsere Hoffnung ist gestorben“, sagen die beiden.

„Den Weg übers Meer hätte ich nicht überlebt“

Der Kampf gegen den IS sei in der internationalen Wahrnehmung in den Mittelpunkt gerückt. „Aber das war doch gar nicht unser Kampf“, sagt Housamedden Darwish. Also beschlossen sie, zu fliehen. „Den Weg über das Meer hätte ich nicht überlebt“, sagt Anan Alsheikh Haidar  und blickt ihren Mann an. „Und für mich stand fest: Ich gehe nicht alleine“, sagt er dann. Er wisse von den vielen, vielen Menschen in Syrien, die keine Wahl hatten. Die deswegen über das Meer flohen, ihre Familien zurückließen.

Aber Housamedden Darwish und Anan Alsheikh Haidar hatten beide schon in Europa gelebt, sie kannten Recht und Gesetz. Also beantragten sie im damals liberalen Spanien ein Visum. Es wurde abgelehnt. Anan Alsheikh Haidar buchte eine Rundreise, Flüge, Hotels. „Wir investierten unser ganzes Geld“, sagt sie. Das Visum wurde gewährt. Und dann kam der 15. Juli 2014. „Das war so schmerzhaft“, erinnert sie sich. Anan Alsheikh Haidar und Housamedden Darwish verabschiedeten sich, ohne zu wissen, ob sie ihre Familie und ihre Heimat jemals wiedersehen würden. „Wenn wir den kleinsten Funken Hoffnung gehabt hätten: Wir wären geblieben“, sagt er.

„Man bekommt dieses Label: Flüchtling“

Und dann waren Housamedden Darwish, der Philosophiedozent aus Aleppo, und Anan Alsheikh Haidar, die Juristin aus Damaskus, von einem Tag auf den anderen Flüchtlinge. „Das hatte nichts zu tun mit unserem Leben als Studenten in Europa“, sagt sie. „Man bekommt dieses Label. Egal, wer man ist. Egal, was man macht. Egal, woher man kommt. Man ist Flüchtling.“

Griechenland, Spanien, Belgien, Deutschland. Er wollte die deutschen Philosophen erforschen, glaubte an faire Chancen und Politik frei von Polemik und voller Solidarität. Sie lebten in Camps und Flüchtlingsheimen, verstanden kein Deutsch, hatten mehr Fragen als sie Antworten bekamen. Sie versuchten, das Erlebte zu verarbeiten und gleichzeitig Hoffnung für die Zukunft zu finden.

„Sechs Monate lang waren wir geduldet“, sagt er und die beiden werden ruhig. „Duldung. Was macht dieses Wort mit einem Menschen?“ flüstert sie dann. Deutschland wollte das Paar nach Spanien abschieben, Anan Alsheikh Haidar legte Widerspruch ein. „Sechs Monate hatten wir jeden Tag Angst vor dem Besuch des Postboten“, erinnert sie sich. Und gleichzeitig änderte sich in diesen Monaten etwas Entscheidendes: „Wir kamen nach Wermelskirchen“, erzählt er.

Wermelskirchen war der Wendepunkt

Er spricht vom Turning-Point, von jenem Moment, in dem sie endlich wieder als Menschen wahrgenommen wurden. Die Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“, die von evangelischen wie katholischen Christinnen und Christen ins Leben gerufen wurde, habe weit geöffnete Türen gehabt. „Wir stellten eine Frage und bekamen eine Antwort“, sagt er, „das hatten wir lange nicht erlebt.“ Jetzt fällt das Wort Willkommenskultur. Pfarrerin Cornelia Seng kümmerte sich, viele Ehrenamtliche zogen mit. Besuche auf den Ämtern, beim Arzt, im Sprachkurs. „Weil wir nur geduldet waren, durften wir nicht arbeiten, nicht reisen, nicht einmal Deutsch lernen“, sagt sie.

Also nahmen sie die Sache mit der Sprache selbst in die Hand – mit Unterstützung der Ehrenamtlichen in Wermelskirchen. Und dann eines Morgens kam die Post. „Mit der Anerkennung“, sagt sie und zeigt dann die kleine Karte, die den Ausweis mit dem roten, vernichtenden Strich ablöste. Er bekam dank seiner fließenden Französischkenntnisse einen Job als Dolmetscher bei der Stadt Wermelskirchen, übersetzte aus dem Arabischen, das wurde dann ins Deutsche übertragen. Und sie bekam ihr erstes gemeinsames Kind. Die Hoffnung kehrte zurück.

Heute leben Anan Alsheikh Haidar und Housamedden Darwish mit ihrem Sohn in Köln. Beide haben ein Stipendium und lehren an der Universität – sie am Lehrstuhl für deutsches und internationales Strafrecht, er im Orientalischen Seminar der Philosophischen Fakultät. Ihre Anerkennung ist auf drei Jahre befristet, läuft jetzt ab. Aber dank der Stipendien und des hohen Sprachlevels steht der Anerkennung für zwei weitere Jahre nichts entgegen.

„Wir stehen auf der schwarzen Liste“

 „Wir wollen das C1-Sprachlevel erreichen“, sagt Housamedden Darwish, „und damit die Möglichkeit, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.“ Den Antrag wollen sie in diesem Jahr stellen. Und eine Rückkehr nach Syrien? Die beiden sehen sich an und die Traurigkeit kehrt zurück in ihre Gesichter. Von Heimweh reden sie nicht, sondern von Angst. „Wir stehen auf der schwarzen Liste“, sagt sie, „solange Assad an der Macht ist, käme eine Rückkehr einem Selbstmord gleich.“

Die beiden halten den Kontakt zu den Familien. Sie skypt mit ihrer Mutter und bleibt dann traurig und ratlos zurück. Er ist mit anderen Syrern im Gespräch, die mit dem Gedanken spielen, nun zurückzukehren. „Es gibt Männer, die mit Politik nichts am Hut haben“, erzählt sie, „aber sie wollen nicht zum Militär, weil sie nicht töten wollen. Aber du hast keine Wahl in Syrien: Entweder du tötest für das Militär oder du wirst getötet.“

Menschen verschwinden. Immer noch

Und dann erzählen sie die Geschichte von Freunden, die zurückgingen. Um ihre Heimatstadt aufzubauen, um neu anzufangen, um der Nachkriegszeit eine Chance zu geben. Oder jene, deren Familien nicht nachkommen durften und die deswegen den Rückweg antraten. „Einige von ihnen erreichten Syrien und seitdem hören wir nichts mehr von ihnen“, erzählt er. Menschen verschwinden. Immer noch. Dazu komme das Elend. „Wir schicken Geld nach Hause“, sagt sie, „aber dort gibt es nichts, was man damit kaufen könnte.“

Zurückkehren kommt jetzt nicht in Frage. Also versucht sich die kleine Familie, eine neue Heimat aufzubauen. „Meine Stimmung schwankt immer mal wieder“, sagt sie. Natürlich habe sie Angst vor dem Tag, an dem die Stipendien auslaufen. Beiden arbeiten hart für die feste Anstellung als Wissenschaftler. „Aber wir müssen immer etwas tun“, sagt sie dann und erlaubt sich nur einen ganz kurzen Moment der Klage: „Ich bin manchmal so müde.“

Dazu komme, dass sich die Stimmung ändere, sagt Housamedden Darwish. Nicht bei den Menschen in ihrem Umfeld, in der Stadt, an der Uni. Aber in der Politik. „Manchmal bekommt man das Gefühl, sie warten nur darauf, eine Chance zu finden, dich endlich zurückzuschicken“, sagt er leise. Aber für Housamedden Darwish und seine Familie gibt es kein zurück. Nicht jetzt. Nicht mit Assad.

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ekir.de / Text und Foto: Theresa Demski / 28.03.2019



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