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Die rosa Schleife frisch ins Haar geflochten: die zwölfjährige Christina mit ihrer Mutter. Die rosa Schleife frisch ins Haar geflochten: die zwölfjährige Christina mit ihrer Mutter Albina. Sie kommen aus dem Raum Tschernobyl, erholen sich im Bergischen Land.

Besuch krebskranker Kinder in der Kirchengemeinde Wiedenest

Erholung von den Strahlen

Christina (12) wird von ihrer Mutter Albina noch schön gemacht: Liebevoll flicht sie ihr eine rosa Schleife ins lange Haar. Nach der Chemotherapie wegen Christinas Leukämieerkrankung war es komplett ausgefallen. Sie hatte nicht mal mehr Augenbrauen.

Zum 15. Mal können krebskranke Kinder in Begleitung ihrer Mütter aus der Region Gomel - unweit von Tschernobyl - in Oberberg drei Wochen lang in unbelasteter Umgebung und bei gesunder Ernährung auftanken. Im Tagesraum des Familien-Ferienzentrums der Naturfreunde, wo die Gruppe aus Gomel untergebracht ist und wo Schwimmbad und großzügige Außenanlagen ideale Bedingungen bieten, warten alle darauf, dass es losgeht zur Eisdiele. Bis die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer aus der Kirchengemeinde Wiedenest eintreffen, vertreiben sich andere die Zeit mit Kartenspielen.

Die 1998 gegründete Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ in der Evangelischen Kirchengemeinde Wiedenest hat es wieder geschafft: Auch in diesem Jahr sind genügend Spenden für den rund 14.000 Euro teuren Aufenthalt zusammengekommen. „Erst heute Morgen hatte ich wieder einen Spendenumschlag im Briefkasten“, freut sich Gudrun Irle, eine der Mitbegründerinnen der Initiative, über die anhaltende Unterstützung, die nicht nur im jährlichen Gemeindebasar, sondern auch durch Spenden aus der Bevölkerung sichtbar wird.

Alina mit ihrer Großmutter aus Gomel zur Erholung in der Kirchengemeinde Wiedenest. Alina mit ihrer Großmutter aus Gomel zur Erholung in der Kirchengemeinde Wiedenest.

Dolmetscherin Iryna Danenkova sorgt bereits zum elften Mal dafür, dass die Verständigung zwischen dem Team der Ehrenamtlichen um Gudrun Irle und den Gästen aus Belarus klappt. „Hier ist alles wunderbar und alle sind so herzlich zu uns“, sagt Alinas „Babuschka“, die mitgekommen ist, weil die Mutter der Kleinen auch erkrankt ist.

Ausnahmslos alle Kinder, die drei Wochen lang ein abwechslungsreiches Programm mit Begrüßung im Gottesdienst, Zirkusbesuch, Reiterhof und Streichelzoo, erlebnisreichen Ausflügen und den nötigen Ruhepausen genießen, wurden von der Chefärztin der Kinderhämatologie am Gebietskrankenhaus Gomel für den Erholungsaufenthalt in Wiedenest vorgeschlagen. Die Auswahl ist nicht leicht. Denn die Station mit 35 krebskranken Kindern ist seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl stets ausgebucht.

Den meisten Kindern, die nach Wiedenest gekommen sind, sieht man ihre schwere Erkrankung nicht an, eine Entwarnung ist das nicht. Die 15-jährige Julia etwa erkrankte mit fünf Jahren an einer schweren Blutgerinnungsstörung, die ihr seither den Besuch einer normalen Schule unmöglich macht. Seit zehn Jahren prägen lange Krankenhausaufenthalte ihr Leben. Ob sie je ein normales Leben führen kann, ist ungewiss.

Tanja war nach ihrer Krebserkrankung mit knapp fünf Jahren bereits einmal in Wiedenest – und lebt mit der Angst vor einem erneuten Rückfall. Auch während des jetzigen Erholungsaufenthaltes müssen alle Kinder mit ihren Kräften haushalten. In den zurückliegenden heißen Tagen hieß es für sie: Vorsicht Sonne, denn die ist nach einer Chemotherapie besonders gefährlich.

Gudrun Irle ist Mitbegründerin der Initiative Gudrun Irle ist Mitbegründerin der Initiative "Den Kindern von Tschernobyl" in der Evangelischen Kirchengemeinde Wiedenest, Iryna Danenkova hilft als Dolmetscherin.

Auch im 27. Jahr nach dem Tschernobyl-Reaktorunfall vom 26. April 1986 erkranken immer noch Menschen in der Region um Tschernobyl an den Spätfolgen der atomaren Katastrophe. „Das wird in der Region Gomel noch 150 Jahre so bleiben“, schätzt der belarussische Arzt Michael Bogatschenko, der die Kinder während ihres Aufenthaltes medizinisch betreut. Er steht den Aussagen der weißrussischen Regierung eher skeptisch gegenüber, die stets betont, alles sei wieder normal.

Auch Gudrun Irle, die gemeinsam mit drei Mitstreiterinnen vor zwei Jahren per Bus nach Gomel gereist sind, um nachempfinden zu können, wie anstrengend eine solche Besuchsreise ist, bezweifelt die regierungsamtlichen Aussagen. Dass die Menschen das offiziell als unbelastet eingestufte Gemüse aus ihren Gärten essen, sei eher der Armut und dem Mangel an Alternativen zuzuschreiben als dem Vertrauen in die staatlichen Aussagen, urteilte sie nach ihrem Besuch in Gomel.

Verstrahlte Region

Gomel ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands und liegt rund 120 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Hier gingen nach dem Reaktorunfall vor 27Jahren etwa 70 Prozent der radioaktiven Niederschläge Weißrussland nieder, umgesiedelt wurden die rund 500.000 Einwohnerinnen und Einwohner Gomels allerdings nicht. Sie mussten in der verstrahlten Region bleiben.

„Fast in jeder Familie gibt es Krebskranke“, berichtet Dolmetscherin Iryna Danenkova. Auch ihre eigene Familie ist betroffen. Vor kurzem ist ihr Bruder, Vater von drei Kindern, mit 36 Jahren an Krebs gestorben. Ob es eine Anti-Atombewegung gibt? Kritik ist in Belarus nicht ungefährlich. Weißrussische Versuche, ein Krebsregister aufzubauen oder eigene Mess-Ergebnisse zu veröffentlichen, scheiterten.

Konstitution merklich verbessert

Für Gudrun Irle und ihre Mitstreiterinnen steht schon vor dem großen Abschiedsfest am Freitagabend fest: Nächstes Jahr soll es wieder eine Einladung für Kinder aus Gomel geben. Wie wichtig diese “Erholungszeit” ist, bestätigen immer wieder die medizinischen Untersuchungen nach dem Aufenthalt. Die Konstitution der Kinder verbessert sich in den drei Wochen merklich.

Draußen hupt es: Die Autos sind da. Fahrerin Rosa Anders, die zu dem Dutzend Ehrenamtlicher aus der Kirchengemeinde gehört, das unentgeltlich für den Transport der Gruppe sorgt, sagt: „Mir macht es einfach Freude, helfen zu können. Ich bin dankbar für meine eigene Gesundheit.“

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 31. Juli 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 2. August 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Karin Vorländer / 02.08.2013



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