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Mit seinen künstlerischen Bildern möchte der Fotograf Ulrich Püschmann die Betrachtenden berühren und einladen, sich auf Menschen einzulassen, die einem auf den ersten Blick fremd sind. Mit seinen künstlerischen Bildern möchte der Fotograf Ulrich Püschmann die Betrachtenden berühren und einladen, sich auf Menschen einzulassen, die einem auf den ersten Blick fremd sind.

Religion und Kultur

Ein Blick auf das vermeintlich Fremde

Ein Drittel der Bonner hat eine Migrationsgeschichte. Das Projekt „Wir miteinander“ der Evangelischen Flüchtlings- und Migrationsarbeit will zum wechselseitigen Verständnis von Religion und Kultur beitragen. Zum Beispiel mit einer Fotoausstellung und einer Onlinepublikation, die Unterschiede zeigen, ohne dass Fremdheit entsteht.

Eins der Fotos hängt zu niedrig. Sorgfältig kürzt Hidir Çelik die Nylonschnur am Aufhänger, die nach oben zur Galerieleiste führt und probiert, bis das Foto auf gleicher Höhe hängt wie die 30 anderen. Die Bilder zeigen Menschen, die sich treffen. Wer näher hinschaut, sieht, dass die Fotografierten unterschiedlichen Religionen angehören.

Auf einem stehen junge Leute lachend am Eingang der Bonner Synagoge. Von rechts schiebt sich ein Polizeiwagen ins Bild. Nie können sich Juden in Deutschland ohne Polizei treffen. „Antisemitismus ist ein Thema bei uns“, sagt Hidir Eren Çelik. Auf der anderen Seite des Raums, an der Theke, unterhalten sich Frauen mit Kopftuch und ohne, und an den quadratischen Tischen im Raum sitzen junge Männer.

Die 30 Bilder des Fotografen Ulrich Püschmann gehören zu einer Ausstellung unter dem Thema „Wir miteinander“. Sie hängt noch bis Jahresende im Café des Hauses Migrapolis mitten in der Bonner Brüdergasse in der Nähe des Marktplatzes und des Geburtshauses von Ludwig van Beethoven, des wohl berühmtesten Sohnes der Stadt.

Aleviten im Gespräch, ein Buddhist beim Meditieren

Am 13. September 2019 wurde die Ausstellung, die schon einen Vorgänger hatte, mit einem Fest eröffnet. Sie steht auch zur Ausleihe zur Verfügung. Man sieht Aleviten im Gespräch und beim Gebet, einen meditierenden Buddhisten und Menschen unterschiedlicher Kulturen im Bonner Problemstadtteil Tannenbusch. Ein Drittel der Bonner hat eine Migrationsgeschichte.

Hidir Çelik leitet die Evangelische Flüchtlings- und Migrationsarbeit (EMFA) in Bonn mit ihrer Integrationsagentur. Im Stockwerk über dem Café mit der Ausstellung liegt sein Büro. Die Texte zu den Fotos hat er geschrieben. Und das Projekt für die EMFA auf die Beine gestellt, zum zweiten Mal und zusammen mit Püschmann und Pfarrer Dirk Voos, dem Beauftragten des Kirchenkreises Bonn für Migrations- und Flüchtlingsarbeit. Fotos des ersten Teils hängen im Café an der Wand gegenüber.

Das Café ist jeden Montag geöffnet und hat sich zum Treffpunkt für Geflüchtete entwickelt. Hier finden sie Kontakt und können ihre Fragen stellen. Inzwischen kommen auch orthodoxe Christen. Es gibt mehrere orthodoxe Gemeinden in der Stadt. Wenige Kilometer rheinabwärts steht am Fluss eine rumänische Holzkirche. Auf der anderen Seite des Flusses hat der Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland seinen Sitz, Metropolit Augoustinos. Im Café bietet die EMFA auch Vorträge zu Alltagsfragen an. In einem Selbstlernzentrum stehen Schreibtische mit Laptops, an denen Besucher arbeiten können.

„Unterschiede bleiben, aber sie können uns überraschen“

Fotograf Püschmann engagiert sich ebenfalls für das Projekt. Ihm geht es, wie er sagt, darum, Bilder zu zeigen, die Sympathie wecken, weil sie Unterschiede sichtbar machen, aber keine Fremdheit entstehen lassen: „Unterschiede bleiben, aber sie regen uns an und können uns überraschen.“ Er möchte Menschen mit seinen Bildern berühren und gewinnen, sich auf Menschen einzulassen, die einem auf den ersten Blick fremd sind. Damit will er dazu beitragen, dass Vertrauen zueinander wächst.

„Es geht auch darum, die Themen der Fotos theologisch einzuordnen“; sagt Voos. Das hat er sich zur Aufgabe gemacht. Auf der Internetpräsenz des Projekts steht über dem Foto vor der Synagoge, dass sich die Evangelische Kirche im Rheinland zur bleibenden Erwählung des Volkes Israel bekennt. Darunter schreibt Çelik: „Nimm teil an unserer Begegnung. Werde Teil unserer Geschichte, die auch Deine ist; für eine gemeinsame Zukunft.“

Die Texte unter den Fotos sollen zum Nachdenken bewegen, sagt er. Und ergänzt: „Sie sind positiv, weil sie motivieren und zum Nachdenken bringen wollen. Wir kennen aber auch die Probleme.“ Voos sagt: „Es war uns wichtig, Impulse zu setzen und einzuladen und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.“ Durch „Wir miteinander“, heißt es in einer Information, „erfahren Sie mehr über die Menschen aus anderen Kulturen, die als Fremde gesehen werden, aber dennoch nicht fremd sind.“

Gott auch in den Fremden erkennen

„Wir sind eine offene Einrichtung“, berichtet Çelik. „Auch in der Stadt sind wir gut vernetzt“. Damit ist die Einrichtung auch attraktiv für die Mehrheit der Muslime, die sich nicht in Moscheen sammeln. „Das“; sagt Çelik, „ist eine Chance für beide Seiten, denn dadurch wächst Vertrauen.“ Voos bietet unter anderem Seelsorge an. Auch die wird häufig von Muslimen in Anspruch genommen. Das baut Brücken, haben die beiden erfahren. Sie erleben bei vielen Muslimen Offenheit. Die, sagen sie, sollte man erwidern. „Uns Christen geht es darum, Gott in den Menschen zu finden“, sagt Voos. „Wir können ihn auch in den Fremden erkennen.“

Zu der Ausstellung im Café des Hauses Migrapolis gehört eine Serie von Online-Publikationen. Sie bieten Hintergründe zu den Fotos, erläutern Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Religionen und laden damit zum Gespräch ein, das Verständnis fördert und Unterschiede akzeptieren kann. Die neueste Publikation erzählt die Geschichte des Fotos mit der Synagoge. Es zeigt eine Gruppe katholischer Firmlinge, die die Synagoge der Stadt besuchen und erfahren, „wie Gottes Treue zum Volk Israel nie aufhört.“ In einem meditativen Text von Çelik unter dem Foto steht: „Höre mich. Öffne Dich, bau mit. Gestalte mit mir die Vielfalt in dieser Stadt, die unsere gemeinsame Heimat ist.“

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ekir.de / Wolfgang Thielmann, Foto: Ulrich Püschmann / 20.09.2019



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