
Die Herausforderungen für die evangelische Kirche sind gewaltig. Sinkende Mitgliederzahlen, rückläufige Kirchensteuereinnahmen, ein großer Gebäudebestand und steigende Anforderungen an den Klimaschutz zwingen Kirchengemeinden bundesweit dazu, ihre Zukunft neu zu gestalten. Vielerorts beginnt die Diskussion mit der Frage, welche Kirche oder welches Gemeindehaus aufgegeben werden muss.
Für Dr. Hanjo Bergfeld, Umweltbeauftragter und stellvertretender Baukirchmeister im Kirchenkreis Solingen, greift dieser Ansatz jedoch zu kurz. In seinem Vortrag am 28. Juli 2026 in der evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp, zu dem er und der Klimaschutzkoordinator Manuel Ernst interessierte Personen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch eingeladen hatten, machte er deutlich, dass erfolgreiche Veränderungsprozesse nicht bei Gebäuden beginnen – sondern bei einer klaren Strategie.
„Leere Kirchen zu unterhalten ist das Teuerste, was man machen kann“, brachte der Vortragende die Situation auf den Punkt. Ein Gebäude verursache unabhängig von seiner Nutzung Kosten für Heizung, Instandhaltung, Versicherung und Verkehrssicherung. Deshalb gehe es nicht darum, möglichst viele Immobilien zu erhalten, sondern jene Gebäude zukunftsfähig zu machen, die den kirchlichen Auftrag langfristig tragen können.
Zuerst über die Zukunft sprechen – dann über Gebäude
Nach Bergfelds Beobachtung liegt einer der größten Fehler vieler kirchlicher Strukturprozesse darin, dass zu früh über Gebäude diskutiert wird. Noch bevor klar ist, wie sich Mitgliederzahlen, Finanzen oder Personal entwickeln werden, kreisen die Debatten bereits um Kirchen, Gemeindehäuser oder Pfarrhäuser. Dabei müsse zunächst beantwortet werden, welche Aufgaben eine Gemeinde in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch erfüllen wolle.
Wie viele Menschen werden sich künftig engagieren? Welche Angebote sollen bestehen bleiben? Welche Schwerpunkte setzt die Gemeinde? Erst wenn diese Fragen geklärt seien, könne entschieden werden, welche Gebäude dafür tatsächlich benötigt werden. „Gebäude müssen der kirchlichen Arbeit dienen – nicht die kirchliche Arbeit den Gebäuden“, machte Bergfeld deutlich.
Weg von der Mangelverwaltung
Über viele Jahre sei in der Kirche eine Kultur entstanden, die vor allem vom Sparen geprägt sei. Immer neue Einsparrunden führten dazu, dass Veränderungen häufig als Verlust wahrgenommen würden. Bergfeld plädierte deshalb für einen Perspektivwechsel. Kirche müsse lernen, ihre Ressourcen strategisch einzusetzen und langfristig zu planen.
Wirtschaftliches Denken sei dabei kein Gegensatz zum Glauben. „Professionelles Handeln bedeutet nicht, Gewinnmaximierung zu betreiben“, erklärte er. „Es bedeutet, verantwortlich mit den anvertrauten Mitteln umzugehen, damit Kirche auch künftig handlungsfähig bleibt.“

Immobilien als Vermögen begreifen
Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Umgang mit kirchlichen Immobilien. Die Kirchen besitzen deutschlandweit zahlreiche Grundstücke und Gebäude in attraktiven Lagen. Gleichzeitig steigen die Unterhaltskosten kontinuierlich. Die klassische Reaktion besteht häufig darin, Immobilien zu verkaufen. Nach Bergfeld löst dies das eigentliche Problem jedoch nur kurzfristig. Mit jedem Verkauf verliere die Kirche dauerhaft Vermögen und Gestaltungsmöglichkeiten. Hinzu komme, dass Verkaufserlöse nach kirchlichem Recht oftmals nur wieder in Bauprojekte investiert werden dürften. Für Personal, Kinder- und Jugendarbeit oder neue Formen kirchlichen Lebens stünden diese Mittel dann nicht zur Verfügung. Nachhaltiger sei es deshalb, Immobilien so weiterzuentwickeln, dass sie dauerhaft Erträge erwirtschaften und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.
Gemeinsam mit Kommunen Lösungen entwickeln
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit Städten und Gemeinden. Viele Kommunen kämpfen mit einem erheblichen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Gleichzeitig verfügen Kirchengemeinden über Grundstücke, die sie für ihre eigene Arbeit künftig nicht mehr vollständig benötigen. Hier sieht Bergfeld große Chancen.
Anstatt Grundstücke zu verkaufen, könnten sie im Eigentum der Kirche bleiben und gemeinsam mit kommunalen Partnern entwickelt werden. So entstünden Sozialwohnungen oder bezahlbarer Wohnraum auf kirchlichen Flächen, während die Kirche langfristige Einnahmen aus Vermietung oder Erbbaurechten erziele.
„Es ist wichtig, mit vielen Akteuren zu sprechen und sie ins Boot zu holen“, betonte Bergfeld. Nur wenn Kirche, Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Denkmalpflege und Fördermittelgeber frühzeitig gemeinsam an Lösungen arbeiteten, könnten Projekte entstehen, die wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich sinnvoll seien.
Ehrenamt braucht professionelle Unterstützung
Die Anforderungen an Presbyterien seien in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Heute müssten ehrenamtliche Leitungsgremien Entscheidungen über Bauphysik, Förderprogramme, Finanzierung, Denkmalschutz, Klimaschutz oder Projektentwicklung treffen – Themen, die hohe fachliche Kompetenz erfordern. Aus diesem Grund spricht sich der Vortragende für eine stärkere Einbindung von Experten aus. Arbeitswissenschaftler, Wirtschaftsingenieure, Architekten, Juristen, Energieberater und Finanzfachleute könnten Kirchengemeinden dabei unterstützen, fundierte Entscheidungen zu treffen und Projekte professionell umzusetzen. Nur so könne Kirche auf Augenhöhe mit Kommunen, Banken oder Investoren verhandeln.
Klimaschutz braucht Gesamtkonzepte
Auch beim Klimaschutz warnte Bergfeld vor Schnellschüssen. Nicht jede Kirche eigne sich automatisch für eine Wärmepumpe, und nicht jede energetische Maßnahme sei wirtschaftlich sinnvoll. Vor jeder Investition müsse zunächst analysiert werden, wie ein Gebäude tatsächlich genutzt werde, welche Wärmeverluste bestehen, wie gut die Gebäudehülle sei und welche Kombination aus Dämmung, Heiztechnik, Photovoltaik oder Batteriespeicher den größten Nutzen bringe. Klimaschutz bedeute deshalb vor allem, intelligente Gesamtkonzepte zu entwickeln. Richtig umgesetzt könnten sie nicht nur den CO₂-Ausstoß deutlich reduzieren, sondern langfristig auch erhebliche Betriebskosten einsparen.

Menschen gestalten Veränderung mit
Technische Lösungen allein reichen jedoch nicht aus. Ebenso wichtig sei die Beteiligung der Menschen. Veränderungsprozesse würden nur dann erfolgreich sein, wenn Betroffene frühzeitig eingebunden würden. Bergfeld schilderte das Beispiel eines Jugendhauses, das aufgegeben werden musste. Die Jugendlichen seien nicht lediglich über die Schließung informiert worden. Stattdessen hätten sie ihre neuen Räume von Anfang an mitgestaltet – von der Raumaufteilung bis zur Position von Steckdosen und Medienanschlüssen. Dadurch entstand nicht das Gefühl, etwas zu verlieren, sondern etwas Neues gemeinsam aufzubauen. Aus Frustration wurde Identifikation.
Wirtschaftliche Vernunft dient dem kirchlichen Auftrag
Immer wieder machte der Vortragende deutlich, dass wirtschaftliche Professionalität kein Selbstzweck sei. Kirche müsse nicht unternehmerisch handeln, um Gewinne zu maximieren. Sie müsse unternehmerisch denken, um ihren eigentlichen Auftrag dauerhaft erfüllen zu können: Seelsorge, Gottesdienste, Kinder- und Jugendarbeit, Bildung, Musik und Diakonie benötigten finanzielle und organisatorische Grundlagen. Deshalb gehöre verantwortungsvolles Wirtschaften ebenso zur Zukunft der Kirche wie Verkündigung und Gemeindeleben.
Die eigentliche Zukunftsfrage
Die Kirche wird sich in den kommenden Jahren verändern müssen. Daran ließ der Vortrag keinen Zweifel. Entscheidend wird jedoch sein, ob sie diese Veränderungen lediglich verwaltet oder aktiv gestaltet. Nicht die Frage, welche Kirche geschlossen wird, entscheidet über ihre Zukunft. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Wie können Gebäude, Grundstücke, finanzielle Ressourcen und das Engagement der Menschen so eingesetzt werden, dass Kirche auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch lebendig, handlungsfähig und gesellschaftlich wirksam ist?
Die Antwort darauf beginnt nicht beim Abrissbagger und auch nicht bei der Heizungsanlage. Sie beginnt mit einer klaren Vision, strategischem Denken und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Genau dazu ermutigte Bergfeld die Zuhörerinnen und Zuhörer in Solingen – und machte deutlich, dass wirtschaftliche Klugheit und christlicher Auftrag keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken können.