Dr. Hıdır Çelik ist nach 34 Jahren im Evangelischen Kirchenkreis Bonn verabschiedet worden. Anne-Christina Achterberg-Boness lässt dankbar eine bewegende Abschiedsfeier nachklingen:
Nach 34 Jahren als Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Bonn wurde Hıdır Eren Çelik in einem bewegenden Festakt in den Ruhestand verabschiedet. Zahlreiche Weggefährtinnen und Begleiter aus Kirche, Politik, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft waren zusammengekommen, um sein jahrzehntelanges Engagement für Migration, Flucht, Bildung, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu würdigen.

Superintendent Dietmar Pistorius eröffnete die Feier und dankte Hıdır Eren Çelik für 34 Jahre engagierte Arbeit im Evangelischen Kirchenkreis Bonn. Er hob insbesondere seine fachliche Expertise und seine innovativen Impulse in den Bereichen Migration, Flucht, gesellschaftliche Vielfalt und interkulturelles Lernen hervor. Zugleich würdigte er seinen Beitrag zu Demokratie und Teilhabe sowie die Menschlichkeit, Beharrlichkeit und Verlässlichkeit, mit der Çelik seine Arbeit über Jahrzehnte geprägt hat.
Ein Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch die Grußworte: Hıdır Eren Çelik hat Menschen zusammengebracht. Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen, Fähigkeiten und Hoffnungen. Über Jahrzehnte schuf er Räume für Begegnung, baute Brücken zwischen unterschiedlichen Perspektiven und brachte Menschen miteinander ins Gespräch.
Migration als gesellschaftliche Aufgabe
Als Çelik vor 34 Jahren seine Tätigkeit im Kirchenkreis begann, waren Migration und Flucht bereits gesellschaftlich konfliktreiche Themen. Die Arbeit bedeutete deshalb von Anfang an mehr als Beratung und Begleitung von Geflüchteten. Sie war verbunden mit dem Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Ausgrenzung und mit der Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe aktiv ermöglicht werden kann.

Aus dieser Haltung entwickelte sich die Evangelische Migrations- und Flüchtlingsarbeit zu einer Institution mit weit über Bonn hinausreichender Bedeutung. Formate wie die Woche der Kulturen, das Migrapolis – Haus der Vielfalt und die von Çelik initiierte Bonner Buchmesse Migration wurden zu sichtbaren Orten des Austauschs und der Begegnung.
Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis
Ein wichtiger Teil seines Wirkens war die Verbindung von wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Praxis. Mitte der 1990er-Jahre gründete Hıdır Eren Çelik gemeinsam mit anderen das Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) und war bis 2018 dessen Vorsitzender.
Sein Anliegen war es, Migrationsforschung nicht auf wissenschaftliche Diskurse zu begrenzen, sondern Erkenntnisse und Methoden dorthin zu bringen, wo sie für Menschen und Organisationen praktisch relevant werden. Sein langjähriger Weggefährte Christian van den Kerckhoff erinnerte daran, dass Çelik immer wieder neue Ideen entwickelte und vor allem eines auszeichnete: die Fähigkeit, aus diesen Ideen konkrete Projekte entstehen zu lassen.
Bildung, Literatur und gesellschaftliches Engagement
Auch über seine hauptamtliche Tätigkeit hinaus engagierte sich Hıdır Çelik über Jahrzehnte für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Besonders hervorgehoben wurde die Dersimstiftung für akademischen Austausch in Europa, die er 2010 mitgründete. Nach Angaben einer Rednerin konnten dadurch mehr als 400 junge Menschen Perspektiven für ihre akademische Entwicklung erhalten. Auch in einer Notsituation nach dem schweren Erdbeben in der Türkei setzte Çelik sein Netzwerk ein, um rund 150 Studierende, die ein Elternteil verloren hatten, über längere Zeit finanziell zu unterstützen.
Çelik ist zudem Schriftsteller, Soziologe und Journalist. Sein literarisches Werk umfasst Gedichte, Märchen, Kurzgeschichten und Satiren sowie zahlreiche Fachpublikationen. Themen wie Flucht, Krieg, Armut, Diskriminierung und die Suche nach Heimat verbinden seine literarische Arbeit mit seinem gesellschaftlichen Engagement.

„Führung zeigt sich nicht darin, was man selbst entscheidet“
Eine besonders persönliche Würdigung brachte ein Verständnis von Führung auf den Punkt, das viele der Beiträge miteinander verband:
„Führung zeigt sich nicht darin, was man selbst entscheidet, sondern darin, wie viel Raum man anderen lässt.“ Genau darin wurde eine wesentliche Qualität seines Wirkens gesehen: Çelik schuf Räume, in denen andere Menschen sichtbar werden konnten – für Begegnung, Selbstorganisation, Beratung und Beteiligung.
„Was bleibt, wenn wir gehen müssen? Spuren der Liebe.“
Vielleicht verdichtete kein Satz den Charakter dieses Abschieds so sehr wie ein Zitat, das in einer der Reden aufgegriffen wurde:
„Was bleibt, wenn wir gehen müssen? Spuren der Liebe.“
Pfarrer Rüdiger Petrat verwies anschließend auf die vielen Menschen im Saal: „Und guck dich um – das sind sie alle, Spuren der Liebe. Sie füllen den Saal.“
Tatsächlich war die große Zahl der Gäste an diesem Nachmittag ein sichtbares Zeichen für die Beziehungen, die Hıdır Eren Çelik in seinem beruflichen und ehrenamtlichen Leben aufgebaut hat. Kolleg:innen, Freund:innen, Ehrenamtliche, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung, Vertreter:innen aus Kirche, Diakonie, Verwaltung und Politik, Wissenschaftler:innen und Engagierte aus der Zivilgesellschaft – sie alle verbindet auf unterschiedliche Weise eine Geschichte mit seiner Arbeit.
Ein Abschied mit Blick nach vorn
Mit dem Ruhestand endet für Hıdır Eren Çelik ein 34-jähriger beruflicher Weg im Evangelischen Kirchenkreis Bonn. Die Verabschiedung machte jedoch deutlich, dass damit sein Engagement nicht einfach endet. Er hinterlässt nicht nur Projekte und Institutionen, sondern vor allem Wissen, Erfahrungen, Beziehungen und Menschen, die selbst Verantwortung übernommen haben.
Ein Stift als Geschenk nahm deshalb Bezug auf ein Wort aus der Gutenberg-Bibel: „Am Anfang war das Wort.“ Ein passendes Symbol für einen Menschen, dessen Wirken so eng mit Sprache, Schreiben, Kommunikation und dem Austausch zwischen Menschen verbunden ist.
Hıdır Eren Çelik geht in den Ruhestand. Seine Spuren aber bleiben. Und vielleicht lässt sich dieser Nachmittag tatsächlich am besten mit den Worten zusammenfassen: „Was bleibt, wenn wir gehen müssen? Spuren der Liebe.“
(17.09.2026 / Dr. Anne-Christina Achterberg-Boness / ger)