Beobachtungen und Erfahrungen

Auch in Deutschland sind (Stand Mitte August 2020) über 220 Tausend Menschen vom Virus angesteckt worden mit teils erheblichen langanhaltenden gesundheitlichen Belastungen. Mehr als 9.000 Menschen sind in Deutschland daran oder damit gestorben.

Der Virus trifft uns alle, auch wenn wir persönlich gesund bleiben

Es bestand die Gefahr, dass das Gesundheitssystem deutlich überlastet worden wäre, wie das in einigen europäischen Ländern der Fall war. Durch einen „Lockdown“ konnte dies abgewendet werden. Für etwa sechs Wochen war das öffentliche Leben erheblich eingeschränkt, Geschäfte geschlossen, Sporteinrichtungen und Gaststätten länger und Schulen und Kindertageseinrichtungen viel länger. Anders als in manchen europäischen Ländern gab es dabei keine Ausgangssperre, sondern Kontaktbeschränkungen, was sich erkennbar als kluge politische Entscheidung herausgestellt hat. Dennoch haben viele Menschen diese Situation als bedrückend erlebt. Soziale Kontakte waren deutlich eingeschränkt, Kommunikation war weitgehend nur noch indirekt medial möglich, Bilder im Fernsehen aus Bergamo und New York deprimierten, die Aussichten waren und sind unklar.

Trotzdem trägt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die Einschränkungen mit, befürwortet die getroffenen Maßnahmen im Prinzip.

Der Virus betrifft alle, aber nicht alle gleich

Es gibt nicht wenige Menschen, die deutlich schlimmer betroffen sind:

▪ In erster Linie sind das diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben. In einer langen ersten Phase konnten sich Angehörige selbst von Sterbenden nicht persönlich verabschieden, war die Möglichkeit gemeinsam zu trauern, sehr eingeschränkt. Vielfach konnten sie dabei auch nicht durch Seelsorgerinnen und Seelsorger unterstützt werden.

▪ Besonders betroffen waren auch alle Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheime. Aufgrund eines deutlich erhöhten Risikos bei einer Ansteckung gab es ein sehr striktes Besuchsverbot, so dass die Einsamkeit dieser alten Menschen noch mehr zugenommen hat.

▪ Aber auch bei denen, die gesund blieben oder genesen sind, war es für viele schlimmer als für andere. Etwa für viele Eltern, die zusätzlich zur Organisation der Berufstätigkeit im Homeoffice noch dauerhaft eine Kinderbetreuung bzw. das „Homeschooling“ zu bewältigen hatten.

▪ Für Kinder und Jugendliche, die auf ihre sozialen Kontakte verzichten mussten.

▪ Für Alleinerziehende und ihre Kinder trifft das noch stärker zu.

▪ Familien, die von Sozialleistungen leben, hatten auch materielle Einschränkungen zu ertragen, weil zum Beispiel den Kindern und Jugendlichen das kostenlose Mittagessen in der Schule fehlte.

▪ Die Schließung der Schulen und das „Homeschooling“ führten zu weiteren Benachteiligungen bei denen, die es in der Schule auch vorher schon schwer hatten und denen vielfach die erforderliche Technik (z.B. Laptops) fehlt.

▪ Für Wohnungslose war die Aufforderung, in der eigenen Wohnung zu bleiben, eher eine Verhöhnung.

▪ Gerade in der Anfangszeit der „Lockdown“-Maßnahmen war nur sehr unzureichend die Betroffenheit von Menschen mit Behinderung im Blick.

Der Virus lässt soziale und wirtschaftliche Ungleichheit deutlicher zu Tage treten und verschäft sie

Bereits vor der Krise war der Status quo geprägt von Ungleichheiten, die zu einer zunehmenden Instabilität im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenhalts führt. Das gilt etwa für die großen Unterschiede Zum Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland bei Einkommen und Vermögen, aber auch bei den Bildungs- und Arbeitsmarktchancen, bei der Möglichkeit zu gesellschaftlicher Teilhabe oder bei der Absicherung durch sozialstaatliche Hilfesysteme.

Die wirtschaftlichen Folgen der Krise sind erheblich. Insbesondere Beschäftigte in Minijobs und der Gastronomie haben schnell ihre Arbeit verloren. Die Arbeitslosenzahl – noch gemildert durch sehr flexible Möglichkeiten zur Kurzarbeit – wird deutlich ansteigen. Viele Solo-Selbstständige sind in existenzielle Not geraten. Die massiven staatlichen Unterstützungsmittel helfen einigen Branchen kaum – etwa in der Kinobranche, der Gastronomie oder dem Messebau. Der ganze Bereich der freien Kulturschaffenden ist besonders massiv betroffen. Finanzielle Hilfen von Bund und Ländern haben Schlimmeres verhindert, aber es ist nicht absehbar, wie nachhaltig das ist. Wer bereits bisher eher zu den „Verlierern“ wirtschaftlicher Prosperität gehörte, wird zusätzlich betroffen. Es kommen neue Gruppen von Menschen dazu, die zusätzlich „abgehängt“ werden.

Mobilitätsverhalten und Arbeitswelt

Der „Lockdown“ des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens führt auch zu Veränderungen im Mobilitätsverhalten und in der Arbeitswelt. Verbreitet werden von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern Homeoffice-Regelungen angeboten. Dienstreisen werden häufig durch Telefon- und Videokonferenzen ersetzt. Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet dies einen Zugewinn an Lebenszeit, weil weite Wege zwischen Wohnsitz und Arbeitsplatz entfallen. Reisekosten werden deutlich reduziert. Darüber hinaus haben die nahezu weltweiten „Lockdown“-Maßnahmen zu einem massiven Rückgang des Flugverkehrs geführt. All dies führt zu einer deutlichen Verringerung der Treibhausgasemissionen und zu einer verbesserten Luftqualität.

Im Blick auf die Arbeitswelt ist bereits absehbar, dass eine Rückkehr zum Status quo vor Corona nicht angestrebt wird. Die Erfahrungen während der Pandemie werden nachhaltig Arbeitswelt und auch das Verkehrsverhalten beeinflussen.

Im Blick auf den Flugverkehr scheint der erzwungene Rückgang nicht anhaltend zu sein, insbesondere was die privaten (Urlaubs-)Reisen angeht.

Populisten nutzen die Verunsicherung

Sie versuchen, Unzufriedene zu mobilisieren und gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben. Dabei kommt es zu eigenartigen Koalitionen zwischen klassisch Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern, militanten Impfgegnern und radikalen Wirtschaftsliberalen. Dabei gelingt eine erstaunliche, zugleich erschreckende Mobilisierung eines sehr kleinen – aber lautstarken – Anteils der Bevölkerung, der teilweise vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt. Die pauschale Behauptung, durch staatliche Maßnahmen im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung seien Bürgerrechte eingeschränkt worden, ist nicht haltbar. Die Rechtsstaatlichkeit ist auch bei allen bewegungseinschränkenden Maßnahmen gewahrt. Eine ganze Anzahl differenzierter Gerichtsurteile, die auch angeordnete Maßnahmen für rechtlich nicht haltbar erklären, verdeutlicht dies.

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