Die Corona-Krise, aber auch die bestehende Ungleichheiten und die Bedrohung durch den Klimawandel, zeugen von der Notwendigkeit von Veränderungen. Gleichzeitig zeigen unsere gemeinschaftlichen Anstrengungen und Erfahrungen in der Pandemie, dass eine Erneuerung möglich ist. Davon lesen wir auch in der Bibel, wenn Paulus im Brief an die Römer nicht die Anpassung an die Welt, sondern die Erneuerung des Denkens im Sinne Gottes fordert (Römer 12,2).
Diese gelingt nicht leicht und gewiss nicht im Kurzstreckenlauf. Doch Bereitschaft zu Verzicht und Konsens, nachbarschaftliches Engagement und Innovationsschübe durch Kooperation sind ein Hoffnungsschimmer für mögliche Erneuerung. Als Kirche in biblischer Verantwortung stellen sich in der Krise alte Fragen in vielen Feldern erneut: Wie können wir der Not zur Veränderung sowie der Hoffnung auf Erneuerung Stimme verleihen? Wie überführen wir die Handlungsbereitschaft der Krise in die Zukunft? Für einige Felder beschreiben wir hier Herausforderungen und zeigen – teilweise in Form von Fragen – eine Richtung an, in die ein Umdenken führen müsste.
Gesundheit und Pflege
In der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie leistungsfähig unser Gesundheitssystem ist, aber auch welche Fehler in den letzten Jahren in der Gesundheitspolitik begangen worden sind. Die „Systemrelevanz“ wurde während der Krise zum neuen Maßstab. Vorher ging es vorrangig um Wirtschaftlichkeit und Kostensenkung. In der Folge ist die Pflege katastrophal unterfinanziert, die Krankenhäuser waren auf dem Weg zahlreicher Schließungen und die Gesundheitsämter unterbesetzt. Aus dieser Erfahrung muss eine andere Gesundheitspolitik erwachsen, in der gesundheitliche Fragen höher gewichtet werden als ökonomische Gesichtspunkte, in der Systemrelevanz die Aufrechterhaltung eines gelingen Lebens für Pflegende und Gepflegte bedeutet. Nicht nur, weil nächste Pandemiewellen wahrscheinlich sind.
Bildungspolitik
Durch die Schließung der Schulen ist deutlich geworden, dass in der Krise die bereits Benachteiligten noch stärker benachteiligt werden. Es wurde offensichtlich, dass Digitalisierung ein sehr wichtiger Faktor ist, der die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern stark beeinflusst. Im Blick auf die jetzt so notwendige Fähigkeit zu digitalem Lernen stellt sich ganz allgemein die Frage, ob das Bildungssystem schon ausreichend Fragen digitaler Bildung thematisiert und konzeptionell gefasst hat. Wo sind die viel zu vielen weißen Flecken in der Bildungslandschaft, bei denen in Sachen Digitalisierung weitgehend Fehlanzeige ist? Es gilt das Augenmerk auf die Schultypen zu richten, an denen besonders benachteiligte Kinder und Jugendliche lernen. Und natürlich muss gefragt werden, wie weit die Lehrerinnen und Lehrer schon fit gemacht worden sind für einen umfassenden Ansatz und eine entsprechende Praxis digitalen Unterrichts. Es ist zu reden über die Ausstattung unserer Schulen in Bezug auf Räume, sanitäre Anlagen, Personal und Technik. Neben der Zur-Verfügung-Stellung von Hard- und Software in den Schulen stellt sich auch die Frage, wie Kinder und Jugendliche aus armutsgefährdeten Kontexten digital mithalten können wenn sie nicht auch eine angemessene Technikausstattung haben, die aber im Familienbudget nicht vorgesehen ist. Aus den Erfahrungen des „Homeschooling“ wurde erkennbar, dass solche Kinder und Jugendliche auch alternative Lernorte brauchen, wenn der Unterricht ausfällt. Viele Wohnungen sind kaum im Ansatz geeignet, dass konzentriertes Arbeiten möglich ist. Nicht alle familiären Kontexte können einen notwendigen Unterstützungsrahmen bieten. Die Bildungspolitik muss insgesamt stärker darauf ausgerichtet werden, alle Schülerinnen und Schüler zu fördern und zwar in der für sie jeweils dienlichen Weise. Es geht um ein umfassendes Verständnis von inklusiver Bildung für alle. Erfahrungen in der Corona-Krise führen die Brennpunkte vorhandener Benachteiligungsstrukturen (nicht nur im Bildungsbereich) vor Augen. Welche Maßnahmen bedarf es, damit diese Benachteiligungsstrukturen in gesellschaftlichen Krisen und Veränderungsprozessen abgebaut werden können – statt sich, wenn nicht gegensteuert wird, durch die Nebenfolgen der Pandemie zu verhärten?
Arbeits- und Sozialpolitik
Sichtbarer geworden ist auch, dass die Probleme der Armut von einer Lösung weit entfernt sind. In signifikanter Weise waren und sind Kinder und Jugendliche vor und in der Krise besonders betroffen. Mit Blick auf das Zusammenleben der Generationen in einem System, das vor neuen wirtschaftlichen Herausforderungen steht, stellt sich eine Frage, die nur im solidarischen Dialog beantwortet werden kann: Wie sind unsere Sozialsysteme armutsfest zu gestalten? Wie können wir Menschen, die in Armut leben oder von Armut gefährdet sind, in Krisenzeiten schützen? Diese Frage stellt sich auch in Bezug auf Menschen, die prekär beschäftigt werden und deren Arbeitsbedingungen sie zwingen, sich Gesundheitsrisiken auszusetzen (bspw. in der Fleischindustrie). Einer Gewinnmaximierung, die die Gefährdung von Menschen und des Gemeinwohls bewusst in Kauf nimmt, muss Einhalt geboten werden. Jetzt ist es auch die Zeit, um die Entlohnung und Arbeitsbedingungen der Berufsgruppen in den Blick zu nehmen, die im „Lockdown“ als „Helden des Alltags“ die Versorgung der Bevölkerung aufrecht gehalten haben. Die Anerkennung dieser tagtäglichen Leistungen muss zukünftig über Applaus vom Balkon hinausgehen.
Europapolitik
Ein Virus wird von Mensch zu Mensch übertragen, nicht von Land zu Land. Und dennoch wurden am Beginn des „Lockdown“ erstmal Grenzen geschlossen, anstatt eine europäische Strategie zur Bekämpfung der Pandemie zu vereinbaren. In Zeiten in denen nicht nur Corona, sondern auch Autoritarismus und Nationalismus um sich greifen, muss das gemeinsame Europa gestärkt und weiterentwickelt werden, nicht abgebaut. Das gemeinsame Finanzpaket der EU-Staaten ist dabei ein wichtiger Schritt und offenbart in seiner Genese doch aktuelle Spaltungen und Schwächen. Wie können wir nationalistischen, fremdenfeindlichen und teils autokratischen Tendenzen deutlich entgegentreten und eine starke EU fördern?
Klimapolitik
In der Zeit des „Lockdown“ mit deutlich weniger Autoverkehr, fast ausfallendem Flugverkehr und geringerer industrieller Produktion verringerten sich die Schadstoffe in der Luft in erheblichem Maß. Worüber trotz anhaltender Argumentation ernstzunehmender Wissenschaftler und massenhafter Proteste jungen Menschen in allen Teilen der Welt politisch keine Einigung zu erzielen war, wurde „über Nacht“ durch einen Virus erzwungen und ermöglicht. Wie überwinden wir, dass es offensichtlich erst einer unmittelbaren massenhaften persönlichen Bedrohung bedarf, bevor Politik bereit ist, nachhaltige Verhaltensänderungen zu fordern und zu fördern und wir bereit sind, uns darauf einzulassen und sie auch umzusetzen? Die Klimapolitik braucht eine Weiterentwicklung in Richtung Sicherung der Lebensgrundlagen der Menschheit. Die weltweite Bedrohung sowie die Verschränkung von Gerechtigkeitsfragen und Nachhaltigkeitsdiskurs stellen uns vor umfassende internationale, nationale und regionale Herausforderungen.
Caring Community – Wiederentdeckung des lokalen Raumes
An vielen Stellen unserer Gesellschaft entstanden in der Krise Initiativen der Solidarität und gegenseitigen Unterstützung, vom Einkaufen für Nachbarn über das Nähen von Masken über Spendenaktionen bis zum gemeinsamen Singen in der Nachbarschaft. Gleichzeitig veränderte sich das Bild der Innenstädte, weniger Autos ermöglichten neue Bewegungs- und Begegnungsräume. Die neue Solidarität und das Bewusstsein für einander sind gute Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung des Gemeinwesens und die Stärkung des Zusammenhalts in den Quartieren. Wie können wir als Kirche und Gemeinde, als vernetzter Akteur und Antreiber einer „Caring Community“ sichtbarer werden?