6.10 Schema der Kapitalflussrechnung

Ein nicht ganz kleiner Unterschied zwischen kameralem und kaufmännischem Rechnungswesen besteht in der Darstellung der Zahlungsströme. Das kaufmännische Rechnungswesen ist darauf ausgerichtet, die Geschäftsvorfälle dem Jahr zuzuordnen, das sie wirtschaftlich belasten bzw. begünstigen. Die Kameralistik hingegen hatte den Zeitpunkt der Zahlung als Grundlage der Zuordnung. Daher lässt sich eine kamerale Jahresrechnung schlecht mit einem kaufmännischen Jahresabschluss vergleichen.

Kaufmännisch wird in zwei Sichtweisen unterteilt: In den Zahlungsstrom (Kapitalfluss) und in den wirtschaftlichen Erfolg eines Jahres.

Was sagt die Kapitalflussrechnung aus?

Wenn eine Gemeinde all ihr Geld auf nur einem Bankkonto hätte, zum Beispiel mit einem Anfangsbestand von 500.000 Euro am Jahresanfang, dann gibt die Kapitalflussrechnung darüber Auskunft, durch welche Geschäftsvorfälle das Bankkonto am Jahresende einen neuen Stand erhalten hat. Insofern ist auch hier eine Kapitalflussplanung als Teil der Haushaltsplanung vorgesehen. Dabei kann die Gemeinde sehen, ob sie genügend Geld für ihre geplanten Maßnahmen hat. Es kann nämlich vorkommen, dass ein Jahresabschluss positiv ausfällt – aber kein Geld mehr da ist.

Das Auseinanderfallen von wirtschaftlichem Erfolg einerseits und den Zahlungsströmen andererseits soll anhand von vier Beispielen erläutert werden.

Beispiel 1: Autokauf

Die Gemeinde kauft im Januar 2019 einen Transporter für die Jugendarbeit für 45.000 Euro. Kameral hätte die Gemeinde im Jahr 2019 bei Kauf 45.000 Euro als Ausgabe für den Transporter gebucht. Fertig.

Der Transporter wird aber nicht nur im Jahr 2019 genutzt, sondern hoffentlich noch acht weitere Jahre. So soll nicht nur das Jahr der Anschaffung mit den Anschaffungskosten belastet werden, sondern alle Jahre der Nutzung (Nutzungsdauer für Kleintransporter: 9 Jahre). Das vermeidet Schwankungen im Ergebnis (kameral: einmalige Belastung von 45.000 Euro im Jahr 2019).

Kaufmännisch wird in zwei Sichtweisen unterteilt: In den Zahlungsstrom und in den wirtschaftlichen Erfolg eines Jahres. Wirtschaftlich wird das Jahr 2019 nur mit 1/9 des Anschaffungspreises belastet, das heißt mit 5.000 Euro. Dies erfolgt also in Höhe der Abschreibung, die gleichzeitig darstellt, dass das Fahrzeug an Wert verliert. Die Belastung von 5.000 Euro erfolgt auch in den Jahren 2020-2027. Dann gilt der Transporter als abgeschrieben.

Der Zahlungsstrom in Höhe von 45.000 Euro wird in der Kapitalflussrechnung des Jahres 2019 erfasst. Nach dem Kauf ist die Gemeinde um diesen Betrag weniger „flüssig“ (liquide).

Beispiel 2: Der „Kauf“ eines Wahlgrabes

Lieschen Müller stirbt im Jahr 2019 und wird auf dem Friedhof der Evangelischen Kirchengemeinde begraben. Die Liegefrist auf dem Friedhof beträgt 25 Jahre. Die Erben erwerben die Grabnutzung für 5.000 Euro und überweisen das Geld auf das Konto der Kirchengemeinde.

Wirtschaftlich betrachtet dient das Grabnutzungsentgelt dazu, die nächsten 25 Jahre den Friedhof zu betreiben. Daher entfällt auf das Jahr 2019 als Ertrag nur 1/25 des Entgeltes, also 200 Euro. Kapitalflussmäßig ist die Gemeinde aber um 5.000 Euro reicher geworden.

Beispiel 3: Die Aufnahme eines Kredits und dessen Tilgung

Die Aufnahme eines Kredits in Höhe von 200.000 Euro dient ausschließlich der Verstärkung der Liquidität und hat an sich erst einmal keinen Einfluss auf die Erstellung von Leistungen in einer Unternehmung. Daher finden sich die Aufnahme eines Kredits und dessen Tilgung nur in der Kapitalflussrechnung wieder. Ende des Jahres werden die ersten 20.000 Euro getilgt.

Beispiel 4: Abschreibung des Autos

Im Jahr 2020 wird die Ergebnisrechnung weiterhin mit 1/9, das heißt 5.000 Euro an Abschreibung belastet. Liquiditätsmäßig aber tut sich nichts. Da die Kapitalflussplanung immer vom Jahresergebnis aus gerechnet wird, muss hier das Jahresergebnis um 5.000 Euro korrigiert werden. Liquiditätsmäßig sieht das Ergebnis 5.000 Euro besser aus.

 

Kapitalflussrechnung (verkürzt anhand der Beispiele 1 bis 3):
Jahresergebnis -5.000
+200
-4.800
+ nicht geldgedeckter=zahlungsunwirksamer Aufwand (Abschreibung) +5.000
+ Zunahme Passive Rechnungsabgrenzungsposten (PRAP) +4.800
./. Darlehenstilgung -20.000
= Kapitalfluss aus laufender Geschäftstätigkeit -15.000
– Anschaffung von Vermögensgegenständen -45.000
+ Aufnahme von Darlehen +200.000
= Kapitalfluss aus Investitions- und Finanzierungstätigkeit +155.000
= Veränderung der Finanzmittel +140.000

 

Das Ergebnis der Kapitalflussrechnung spiegelt sich in der Veränderung des Bankkontos wider (dunkleres blau). Das Ergebnis der Ergebnisrechnung findet sich als Jahresergebnis in der Bilanz (grün). Eingearbeitet sind die Beispiele 1 bis 3.

Aktiva 1.1.29019   31.12.2019   Passiva  1.1.2019  31.12.2019
Sachanlagen 1.030.000   1.070.000   Eigenkapital 1.1  1.450.000  1.450.000
  +Jahresergebnis  -4.800
  Verbindlichkeiten 80.000  260.000
Bankkonto 500.000   640.000   PRAP  4.800
Bilanzsumme 1.530.000  1.710.000   Bilanzsumme  1.530.000  1.710.000

 

In diesem Fall ist die Liquidität gestiegen, obwohl das Jahr einen Fehlbetrag ausweist. Und natürlich hätte das Darlehen in dieser Höhe nicht aufgenommen werden dürfen, sondern nur zur Finanzierung einer entsprechenden Investition (§ 39 Abs. 1 WiVO).

  • ekir.de
  • Yury Shchipakin / Fotolia

Weitere Artikel aus Kapitel 6, Handbuch WiVO